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Ein Graf als Bergmann in Hamborn

Ein Graf als Bergmann in Hamborn
Alexander Graf Stenbock-Fermor FOTO: Verlag Henselowsky Boschmann
2018 steht im Ruhrgebiet ganz im Zeichen des Abschieds von der Kohle. Wer wissen will, wie gefährlich die Arbeit unter Tage war, welch ausbeuterischer Raubbau nicht nur an der Natur, sondern an Menschenleben einst hier betrieben wurde, für den hat der Verlag Henselowsky Boschmann ein Buch neu herausgegeben: "Meine Erlebnisse als Bergarbeiter im Ruhrgebiet", geschrieben von einem baltischen Adeligen, der 1923 als Werkstudent auf der Zeche Gewerkschaft Friedrich Thyssen in Hamborn gearbeitet hat. Von Thomas Warnecke

Alexander Graf Stenbock-Fermor – kein typischer Name für einen Bergmann. "Pekuniäre Not" und "eine gewisse Abenteuerlust" haben den 20-jährigen Ingenieursstudenten ins Ruhrgebiet getrieben. Und so etwas wie hier hat er noch nie gesehen – wahrscheinlich deshalb ist seine Schilderung trotz mancher altmodisch wirkender Expressionismen auch 90 Jahre nach der Erstausgabe plastisch und lebendig und so mitreißend, dass man die 170 Seiten in einem Zug liest.

Das "Gräflein", wie ihn die Kumpel bald nennen, ist ein gebildeter Mensch; beim ersten Anblick der Schlote und Maschinenhallen fallen ihm Verse von Ernst Toller ein, Arbeiterfrauen erscheinen ihm wie Gestalten von Käthe Kollwitz. Die Fassungslosigkeit, "Wie können hier Menschen leben", der erschütternde Anblick der "großen, grauen, entsetzlich gleichmäßigen Mietskasernen von Hamborn" wird da quasi literarisch eingefangen, doch mehr und mehr wird Stenbock-Fermor zum sachlichen Reporter, dessen einziges Bestreben es ist, "rücksichtslos wahr zu sein". Dass ihm das gelungen ist, haben ihm die Kumpel später bestätigt.

Als er endlich seinen ersten Wagen mit Geröll vollgeschaufelt hat – ein "Überbau für Wetterführung" war eingestürzt – ist er mit seinen Kräften am Ende. Doch Pausen gibt's nur zum "Buttern". Ein Jahr will Stenbock-Fermor durchhalten, und das schafft er auch. Er gönnt sich kaum mal ein Durchatmen – auch dem Leser nicht. Mit drei Mann teilt er sich das Zimmer im Ledigenheim, das eine schlichte Holzbaracke ist, und das Kaffeederivat, das alle nur "Negerschweiß" nennen. Beschreibt die Einfahrt in 500 Meter Tiefe, jeden einzelnen Handgriff und die vielen tödlichen Fallen unter Tage, alles anschaulich und oft im Dialog. Überhaupt – die Gespräche: Entweder geht's um die Arbeit oder um Politik. Es ist das Jahr, als die Inflation ihren Höhepunkt erreicht, das Ruhrgebiet steht noch unter französischer Besatzung. Es gibt das Private, das oft relativ freizügige Sexleben und die infernalischen Besäufnisse in den freien Sonntag ohne jede Lohntütenball-Romantik.

Vor allem aber gibt es die schiere Not, die Sorge, sich und die Seinen durchzubringen mit dem wenigen Geld, die die Bergmänner zu ihrer lebensgefährlichen Arbeit zwingt. Höhe- und Endpunkt der Erzählung ist die Eskalation eines Arbeitskampfes, weil die Bergmänner die Erhöhung der Arbeitszeit von sieben auf acht Stunden nicht hinnehmen wollen – und am Ende müssen. Vorm Rathaus Hamborn gibt's Tote. Keine Partei ist damals unter den überwiegend kommunistischen Bergleuten so verhasst wie die SPD. "Noske", nach dem SPD-Minister, der 1919 auf Revolutionäre schießen ließ, ist das schlimmstmögliche Schimpfwort.

Das ist die zweite Geschichte, die im Nachwort erzählt wird: des Grafen Wandel vom Saulus zum Paulus. Eine lange Passage gibt ausführlich eine abendliche Diskussion Stenbock-Fermors mit kommunistischen Arbeitskollegen wieder, und neben dem klaren "wir oder die da oben" der Arbeiter wirkt das nationalistische Blut-und-Boden-Geschwätz des Herrn Grafen so schwachsinnig, dass man da nur Kommunist sein kann. Alexander Graf Stenbock-Fermor hat's selbst gemerkt, wurde Mitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller und "vom weißen Offizier zum roten Soldaten", 1933 verhaftet – Ehrensache. Wie dieses Buch.

Alexander Graf Stenbock-Fermor: Meine Erlebnisse als Bergarbeiter im Ruhrgebiet", Verlag Henselowsky Boschmann, Bottrop 2017; 176 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, 9,90 Euro

(Niederrhein Verlag GmbH)