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Fluchtpunkt Duisburg

Fluchtpunkt Duisburg
Blick nach vorne – gegen die Wand: Werner Ruzicka und das diesjährige Plakatmotiv der Duisburger Filmwoche. FOTO: tw
Duisburg. Hinter Werner Ruzicka liegen seine letzten beiden Sichtungswochen – der Leiter der Duisburger Filmwoche hört auf. Doch ein Festival hat er noch, vom 5. bis 11. November. Das Motto blickt nach vorne: "Handeln". Von Thomas Warnecke

"Was wir schon im letzten Jahr erwartet hatten, schlägt jetzt ziemlich durch", nennt Werner Ruzicka ein Schwerpunktthema der eingereichten wie der ausgewählten Filme: "die Flüchtlingsproblematik und der überall zu verzeichnende Rechtsruck." Ganz direkt zeigt etwa ein Film abgebrannte Flüchtlingsunterkünfte, unterlegt mit diesem seltsam "zurückgenommenen Rechtssprech".

Ein anderer Film verfolgt quasi Stille-Post-mäßig, wie im Rhetorikseminar, unter Politikern, auf der Straße und in Redaktionen Sätze, Nachrichten, Wahrheiten produziert werden. "Wie kann man – oder warum kann man nicht – mit Rechten reden?" Diese Frage muss die Filmwoche beschäftigen. Ausgewählt wurden Filme, die Verhältnisse nicht nurabbilden, sondern sich diesen auch entgegenstellen – eben handeln.

Beispielsweise, um mal ein weiteres Schwerpunktthema zu nennen, das für die Filmwoche wie für Duisburg überhaupt wesentlich ist, untersuchen zwei der ausgewählten Filme die globalisierten Warenzyklen. Der eine Filmemacher nähert sich dem Thema von außen beschreibend, der andere nimmt sein Smartphone und geht in die afrikanische Kobaltmine und in die chinesische Fabrik, dahin, wo die Rohstoffe auch für sein Handy herkommen und dahin, wo es zusammengesetzt wird. Und hält dabei das Problem schon in der Hand.

"Duisburg war schon immer der Ort, wo das Medium über sich selbst nachdenkt", sagt Werner Ruzicka. Das Fernsehen könne man dafür mehr oder weniger abschreiben. Was wiederum die Duisburger Filmwoche umso wichtiger macht, für die vielen Studenten, für die Bildungsurlauber, aber auch für die Filmemacher, die ihre Filme schon anderswo gezeigt haben, aber hier erfahren, wie ihr Film viel intensiver wahrgenommen und kritisch gewürdigt wird. Ruzicka: "Da hat Duisburg als Kulturort wirklich eine Bedeutung." Als Refugium, eben als Fluchtpunkt für die anderen Bilder, gegen Internetfilmchen und Nachrichtenfeatures.

Dafür braucht es Zeit. Das Thema "Wiedervorlage" spielt eine große Rolle. Filmemacher haben ihre eigenen, private und Fernseh-Archive durchsucht. Z. B. "Kulenkampffs Schuhe", der zwar schon im Fernsehen lief, aber trotzdem (siehe oben), so viel verrät Ruzicka schon, die Filmwoche eröffnen wird: die 60er und 70er Jahre, Wirtschaftswunder und Verdrängung der Nazizeit erzählt anhand dreier TV-Unterhaltungsshows.

Dass es "seine letzte" Filmwoche wird, hat in der Sichtung bzw. bei der Programmierung keine Rolle gespielt. Wehmut verspürt Ruzicka aber schon, auch weil sich durch den Tod mehrerer Filmemacher "ein Kreis geschlossen hat": Peter Liechti, Michael Glawogger, Harun Farocki und, vor wenigen Wochen, Klaus Wildenhahn. Filmemacher, die zum Teil von Anfang an dabei waren, die die Filmwoche geprägt haben und "deren Wahrnehmung von Duisburg bestimmt wurde", so Ruzicka.

Es gebe eine sehr konkrete Nachfolgediskussion, die Kooperationspartner Arte und 3sat sowie das Land sind weiter dabei. "Duisburg ist old school, und das ist gut so", sagt Ruzicka, "eine Sache, die so weiterlaufen kann." Weshalb er auch weiter in Duisburg bleibt: Verkehrstechnisch, für Reisen nach Köln, Brüssel oder Paris, "ist Duisburg unschlagbar".

(Niederrhein Verlag GmbH)