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Bröselt, rockt, läuft, lebt

Bröselt, rockt, läuft, lebt
Bröselmaschine 2017 (v.l.): Tom Plötzer, Keyboards, Peter Bursch, Gitarre, Gesang und Sitar, Sängerin Liz Blue, Detlef Wiederhöft, Bass, Michael Dommers, Gitarre und Gesang, und Manni von Bohr, Schlagzeug. FOTO: Bröselmaschine
Duissern. Nach über 30 Jahren hat Bröselmaschine mal wieder ein Studioalbum aufgenommen: "Indian Camel". Die Platte beweist: Krautrock lebt! Ein Besuch bei Peter Bursch. Von Thomas Warnecke

Wenn vom "Gitarrenlehrer der Nation" die Rede ist, wird schnell vergessen, dass Peter Bursch ja nicht nur ein weltoffener, sondern auch ein international gefragter Musiker ist. Ein New Yorker Blog führt das gleichnamige Debüt der Bröselmaschine auf Platz 9 der wichtigsten Krautrockalben. Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Rockmagazin mit einer Besprechung von "Indian Camel" drin, vorne drauf: Alice Cooper. "Man sieht nur die alten Säcke", sagt Peter Bursch, "Ed Sheeran ist da schon 'ne Ausnahme." Gute Zeiten also für gute alte Krautrocker.

"Es orientieren sich gerade viele an den 70ern", findet Peter, "für mich waren 1965 bis -75 die wichtigsten Jahre, die große Entwicklung!" Da entstand in einer Hochfelder WG, sozial, basisdemokratisch und drogeninduziert und von Helmut Loevens "Metzger" mit dem richtigen geistigen Rüstzeug (keine Drogen jetzt) versehen, die Bröselmaschine, in einer alten Bäckerei auf der Friedenstraße, Ecke Musfeldstraße: "Wir hatten dauernd die Polizei da."

Aber sie haben auch dauernd gespielt, "wir wollten ja leben von der Band", im Eschhaus, mit Ton, Steine, Scherben auf Tournee. "Das war eine riesige Zeit." Schnell ging's nach England und in die USA; nach einer gemeinsamen Tour mit Uriah Heep kaufen sie deren PA und sind Deutschlands erste Band mit PA und Mischpult in der Mitte des Saals. "Die haben ja alle noch mit Gesangsanlage gespielt." Sechs Jahre blieb die Ursprungstruppe zusammen, dann gingen einige nach Indien, der Bassist wollte Schäfer werden und ist es bis heute mit 700 Tieren irgendwo bei Rothenburg ob der Tauber. Es gab Neuformationen; für Willi Kissmer kam Helge Schneider, der auf "Indian Camel" Saxofon spielt und auch sonst gerne, angekündigt oder als Überraschungsgast, bei Konzerten von Bröselmaschine dabei ist. Und Konzerte sind oft, denn seit der Reunion der Band und dem Auftritt beim "Kraut-Rockpalast" des WDR 2005 stand das Telefon nicht mehr still bei Peter Bursch. Denn so offen die Musiker für alle möglichen Einflüsse sind – Bursch: "Ich hatte sogar mal 'ne richtige Irish-Folk-Phase" – so gut finden sie auf allen möglichen Festivals Anschluss, ob bei den Hippies auf Burg Herzfeld oder bei den Hardrockern vom Freak Valley Festival.

Aber, Stichwort "alte Säcke": "Wir brauchen Seniorenbetreuung." Hat Peter zur neuen Sängerin Liz Blue gesagt, und sie ist trotzdem geblieben. "Aber sie hat immer ein Handy am Ohr, sie modelt auch und muss dann morgens immer ganz früh den Flieger nach Tunesien kriegen oder so." Hauptsache: "Die Leute sind begeistert. Sie wertet die ganze Band auf." Nicht nur mit Aussehen und Stimme, sie hat als "fast native speaker" auch Texte beigesteuert.

Also doch: gute Zeiten gerade. "Wir haben zur Zeit einen unheimlichen kreativen Output", sagt Peter Bursch, "irgendwie explodiert da was im Moment", das nächste Album "ist fast schon fertig". Schon bei den Aufnahmen zum aktuellen lief's rund. "Ich hatte da so eine Idee auf der Sitar und auch einen Rhythmus dazu, hab den anderen das gezeigt und dann gesagt: 'Komm, wir spielen einfach mal los." Und sie spielten los, zwölf Minuten am Stück, der erste Take wurde genommen und das Titelstück: "Indian Camel". "Schon beim Rough Mix sind wir alle ausgeflippt." Seelenverwandtschaft eben, "du hast es, oder du hast es nicht." Bröselmaschine hat's.

Als auf der Fahrt in die Redaktion die CD im Player liegt, bestätigt sich der Eindruck. Ich verstehe ja nichts von Esoterik, aber da dachte ich: "Jetzt kriegst du die Chakren gereinigt."

Indian Camel gibt's im gut sortierten Plattenhandel und Bröselmaschine am 19. Oktober im WDR-TV ("Rockpalast").

(Niederrhein Verlag GmbH)