Kamp-Lintforter Rollstuhltennisspielerin will zu den Paralympics: Biancas Traum von Tokio

Kamp-Lintforter Rollstuhltennisspielerin will zu den Paralympics : Biancas Traum von Tokio

Bianca Osterer gehört zu den besten deutschen Rollstuhltennisspielerinnen. Ihr Traum, 2020 bei den Paralympics in Tokio zu starten, droht allerdings zu scheitern.

Mit 5 Jahren fing Bianca beim SV Alemannia Kamp mit dem Tennis an - als Fußgängerin, wie es bei Rollstuhlfahrern heißt. Als sie mit 15 Jahren wegen der Schule und der Ausbildung pausiert, ahnt niemand, dass es die letzten Schritte waren, die sie auf einem Tennisfeld gegangen sein wird.

Die Krankheitsgeschichte von der inzwischen 33-jährigen Kamp-Lintforterin macht fassungslos: Bianca beginnt nach der Schule eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Im dritten Lehrjahr verdreht sie sich auf der Arbeit ihr Knie, dies wird allerdings nicht als Arbeitsunfall anerkannt. Was zu diesem Zeitpunkt niemand weiß, Bianca entwickelt Morbus Sudeck, ein komplexes regionales Schmerzsyndrom, bei dem es nach einer Verletzung zu anhaltenden, sehr starken Schmerzen kommt. Und nicht nur das, wenn diese Erkrankung einmal im Körper ist, kann sie auch andere Extremitäten befallen und je nach Stadium zur völligen Funktionsuntüchtigkeit führen. Bis die richtige Diagnose gestellt wird, vergehen vier Monate: „Es wäre heilbar gewesen, wenn man es früher erkannt hätte, aber es ist sehr selten und als der Arzt nicht weiter wusste, wurden meine Probleme auf die Psyche geschoben“, berichtet Bianca. An anderer Stelle wird sie mit Schmerzkathetern behandelt, es kommt zu Entzündungen - seitdem kann die junge Frau gar nicht mehr laufen: „Ich kam mit Gehstützen ins Krankenhaus und ging im Rollstuhl.“ Die 20-Jährige fällt in ein tiefes Loch, sie will gegen die Behandlungsfehler vorgehen, „aber sie habe ja immer alles unterschrieben“. Ihre Familie ist in diesen schweren Monaten ihre große Stütze.

2008 fasst Bianca neuen Mut, entschließt sich wieder Sport zu treiben und informiert sich, ob es Tennis auch für Rollstuhlfahrer gäbe. Zu ihrem Glück kommt der damalige Rollstuhltennis-Bundestrainer aus Krefeld und nimmt sich ihrer an. „Es war so schön, wieder einen Schläger in der Hand zu halten“, erinnert sich Bianca.

Das Fahren mit dem Rollstuhl auf dem Tennisfeld ist am Anfang noch kompliziert, aber der Bundestrainer erkennt ihr Talent. Schon zwei Monate später geht’s daher zu den Deutschen Meisterschaften, wo sie sich nach einem großartigem Fight in der Vorrunde knapp der damaligen Weltranglistenneunten Katharina Krüger geschlagen geben muss.

Das Potenzial ist groß, aber Rollstuhltennis als Leistungssport zu betreiben, nicht einfach. Um sich in der Weltrangliste hoch zu arbeiten, müssen internationale Turniere gespielt werden. Wimbledon, Australian Open, Grand Slams - es stehen die gleichen Turniere, auf denselben Plätzen an, wie bei den Fußgängern, „das weiß nur kaum jemand“, so Bianca. Und genau das ist das Problem. Die Turniere müssen aus eigener Tasche gezahlt werden, denn Sponsoren sind rar, die Förderung in Deutschland überraschend schlecht: „Die Holländer z.B. sind hier viel weiter, da können die Besten der Rollstuhltennisfahrer ihren Sport wie einen Beruf ausüben, haben stets Trainer an ihrer Seite und bekommen die Fahrten zu Turnieren bezahlt.“ Sie selbst sei bis auf einmal in Israel, nur in Europa unterwegs gewesen, ein einziges Mal mit Trainer.

Am Finanziellen scheitert letztlich auch ihre Teilnahme an den Paralympics in London 2012: Weil sie sich die Fahrten zu den großen Turnieren nicht leisten kann, kann sie nicht genügend Punkte sammeln und schafft es „nur“ auf Weltranglistenplatz 15. „Die internationale Quali hätte ich damit auch geschafft, aber der Deutsche Tennisbund wollte nur Spielerinnen hinschicken, die in der Weltrangliste mindestens auf Platz 14 stehen und nahm mich nicht mit.“ Bianca kämpft sich bis 2014 auf Platz 11 vor, erleidet dann aber bei den Polish Open einen Abriss der Sehnenplatte im Ellbogen des Schlagarms und verliert das Gefühl in drei Fingern. Wegen ihrer Erkrankung findet sie zunächst keinen Arzt, der sich traut, sie zu operieren, ein dreiviertel Jahr dauert es bis zur OP. Die Paralympics in Rio 2016 sind damit gestorben.

Erst 2018 steigt sie wieder ins Training ein, zweimal die Woche trainiert sie bei der Alemannia, der sie immer treu geblieben ist, einmal die Woche in Köln unter Bundestrainer Niklas Höfken. Die gelähmten Finger muss sie an den Schläger tapen und startet nun bei den Quads, hier spielen Sportler, unabhängig vom Geschlecht, mit Mehrfachbehinderungen.

Kaum trainiert gewinnt sie im Juni im Einzel und im Doppel die Deutsche Meisterschaft und hat nun fest die Paralympics in Tokio 2020 vor Augen. Allerdings droht ihr Traum erneut zu platzen: Der Deutsche Tennisbund hat seine Regeln nochmals verschärft und schickt nun nur noch Spielerinnen zu den Paralympischen Spielen, die unter den Top 8 der Welt sind. Und um zu den Turnieren zu fahren, bei denen sich Bianca die nötigen Punkte erspielen könnte, fehlt es an den finanziellen Mitteln. Sponsorengelder und Erspartes wären inzwischen nahezu aufgebraucht, so die 33-Jährige.

Sie habe daher schon überlegt, den Schläger hinzuschmeißen, aber einmal an den Paralympics teilzunehmen sei halt ihr großer Traum. Daher macht sich die Kamp-Lintforter Tennisspielerin nun wieder auf die Suche nach Sponsoren.

Wer Bianca unterstützen möchte, kann sich gerne unter info@bianca-osterer.de melden. Auch Leute - ob Rollstuhlfahrer oder Fußgänger - die sich für Rollstuhltennis interessieren, können ihr eine E-Mail schreiben. Bianca: „Ich möchte meinen Sport einfach bekannter und auch anderen Rollstuhlfahrern Mut machen.“

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