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Interessengemeinschaft der Hafengeschädigten: In Orsoy reißt der Geduldsfaden

Interessengemeinschaft der Hafengeschädigten : In Orsoy reißt der Geduldsfaden

Kürzlich wurde öffentlich, dass im Niag-Hafen Orsoy zwischen 2016 und 2019 17.271 Tonnen gefährliches Petrolkoks gelagert und umgeschlagen wurden. Die Interessengemeinschaft (IG) der Hafengeschädigten Orsoy verlangt umfassende Aufklärung.

Am 4. März setzt sich der Arbeitskreis bestehend aus der IG, der Stadt Rheinberg, der Niag und der Immissionsschutzbehörde des Kreises Wesel zusammen. „Wir wollen Fragen nach Gesundheits- und Umweltgefährdung beantwortet haben und wissen, ob und welche Versäumnisse es gegeben hat“, hofft Robert Schneiders Klarheit zu bekommen. Er hatte sich schon 2018 an uns gewandt und von massiven Staubabwehungen berichtet. Ganze Grundstücke lagen in dem langen, trockenen Sommer unter einer schwarzen Schicht. „Wir hatten schwarze Füße, wenn wir durch den Garten liefen. Und das Zeug war kaum abzubekommen“, so die Erinnerung. Die Niag hatte damals reagiert und in eine neue Beregnungsanlage investiert. Mit mäßigem Erfolg, wie auch Sabine Kleinholdermann und Dankwart Bender berichten, denn nicht nur im ebenfalls langen trockenen Sommer 2019, sondern auch in letzter Zeit wären wieder Abwehungen im stärkeren Masse festgestellt worden. Immerhin würde die Niag inzwischen die entstandenen Schäden beseitigen - und beispielsweise Fensterputzer rausschicken. Aber das bekämpfe ja nicht die Ursache. Seit einigen Tagen führe das Unternehmen zudem an drei Standorten in der Nachbarschaft eine Langzeitstaubmessung durch. Allerdings bezweifelt die IG, ob ein Jahresmittelwert weiterhelfe, denn für sie seien „die Ausreißer interessant“.

Und nun wurde auch noch bekannt, dass die Shell Rheinland Raffinerie drei Jahre lang gefährliches Petrolkoks im Orsoyer Hafen umschlagen ließ. Gefährlich, weil es anders als handelsübliches Petrolkoks (auch Ölpellets genannt) eine deutlich erhöhte Schwermetallbelastung aufweist, die als krebserregend gilt. Doch statt es als Sonderabfall zu deklarieren, was richtig gewesen wäre, hatte die Shell AG es im Genehmigungsverfahren fälschlicherweise unter Petrolkoks laufen lassen.

Was bedeutet das für die Anwohner, für die jetzt rückblickend klar ist, warum die Abwehungen „etwas Öliges“ gehabt hätten. Der Hafen verspricht Aufklärung. Als eines der von der Falschdeklaration betroffenen Unternehmen hätte man größtes Interesse an einer lückenlosen Aufklärung des Sachverhalts, dies gelte auch für die Frage etwaiger Umwelt- und Gesundheitsgefahren, sagt die Niag dazu und weist Vorwürfe von sich, schon 2018 Kenntnis über das vom Hersteller fälschlicherweise als Petrolkoks deklarierte Material gehabt zu haben. Das Unternehmen sei in der Annahme gewesen, dass nach Zusammensetzung und Rechtslage einwandfreies Petrolkoks gelagert und umgeschlagen wurde und prüfe nun rechtliche Schritte.

Die Interessengemeinschaft ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten bereits tätig geworden und hat eine Bodenprobe analysieren lassen, die eine erhöhte Belastung mit Schwermetallen zeigt. Dies habe man auch der Immissionsschutzbehörde weitergeleitet, die die Ergebnisse als „nicht amtlich“ bewertet, aber selbst nichts Amtliches zur Aufklärung beigetragen hätte. „Der Kreis lässt seine Mitbürger ins offene Messer laufen“, sagt Schneiders. Eine Stellungnahme von entsprechender Stelle sollte uns in der kommenden Woche vorliegen.

Eine weitere Stellungnahme, die aussteht, ist die der Landesumweltministerin. Sie wurde von der Interessengemeinschaft am 27. Januar angeschrieben.

„Wir haben immer auf freundliches Entgegenkommen in Gesprächen gesetzt“, fasst Schneiders die Bemühungen der IG zusammen. Schließlich sei man nicht gegen den Hafen, sondern wünsche sich eine vernünftige Koexistenz. Und obwohl es strikte Vorgaben gäbe, dass kein Staub den Hafen verlassen dürfe, habe man bisher von rechtlichen Schritten Abstand genommen. Gerade das Vertrauen in die Niag sei jedoch erschüttert, weil in den letzten zwei Jahren - unabhängig von der neuerlichen Kenntnis um das Petrolkoks - nicht wirklich etwas passiert sei: „Langsam reißt der Geduldsfaden!“