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Selbsthilfegruppe im Augusta-Treff mit dem Schwerpunkt Alkoholabhängigkeit: Frau sucht Hilfe: Du bist nicht allein!

Selbsthilfegruppe im Augusta-Treff mit dem Schwerpunkt Alkoholabhängigkeit : Frau sucht Hilfe: Du bist nicht allein!

Im Augusta-Treff trifft sich zweimal im Monat die Selbsthilfegruppe „Frau sucht Hilfe“. Schwerpunkt ist das Thema Alkoholabhängigkeit. Sowohl Betroffene als auch Angehörige sind willkommen - die zwei Leiterinnen kennen beide Seiten.

Eva Söhnchen ist alkoholkrank und seit 15 Jahren alkoholfrei; Evelyn Sebastian lebte mit einem alkoholkranken Vater. Beide Frauen wollen ihre Erfahrungen nun einbringen, um anderen Frauen in gleicher Situation zu helfen und zu zeigen: „Es gibt einen Weg da raus. Und den müsst ihr nicht alleine gehen!“ In der Selbsthilfegruppe ist jede Frau willkommen - unabhängig von Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung. Jede Frau, die sich Gedanken über ihr Trinkverhalten oder das eines Angehörigen macht.

Warum trinken Frauen? Oft sei ein unverarbeitetes Traumata der Grund, wie Missbrauch in der Kindheit oder Gewalterfahrungen, weiß Eva Söhnchen. Aber auch Trennungen und Überforderung bringen Frauen dazu, sich in den Alkohol zu flüchten. „Man trinkt, um sich leichter zu fühlen“, beschreibt Eva Söhnchen, wie es anfängt.

Die Phasen der Sucht. Zunächst sei es mal ein Glas Wein am Abend, mit dem man sich für den Tag belohnt. Bald ist es ein Glas jeden Abend. Oder auch zwei. Oder eine Flasche. Der Übergang vom Alkoholmissbrauch zur Sucht ist fließend: „Wenn die Gedanken nur noch um den Alkohol kreisen und man sich bewusst Vorräte anschafft, dann sind wir in der Abhängigkeit angekommen. Frauen beginnen häufig mit Wein und Sekt und greifen erst im späteren Stadium zum Hochprozentigen - weil sie so mit weniger Flüssigkeit schneller ’voll werden’.“ Zur psychischen kommt schließlich die körperliche Abhängigkeit hinzu. Der Alkohol schmeckt nicht mehr, aber der Körper verlangt nach ihm. Bekommt er ihn nicht, beginnt das Zittern. „In der schlimmsten Phase konnte ich nicht mal mehr meine Kaffeetasse halten“, erzählt Eva Söhnchen.

Merkt das niemand? Während Männer häufig in Gesellschaft in den regelmäßigen Alkoholkonsum rutschen, greifen Frauen eher alleine zu Hause zur Flasche und brechen soziale Kontakte ab. „Frauen trinken heimlich, weil es sich ‚für sie nicht gehört’, Alkohol zu trinken“, sagt Eva Söhnchen. Und Frauen sind sehr kreativ, wenn es darum geht, ihre Vorräte zu verstecken. Da verschwindet der Alkohol im Blumentopf, in der Waschmaschine, im Trockner - dort, wo der Mann halt nicht hinschaue, hören die beiden Gruppenleiterinnen immer wieder bei den Treffen. Alkoholsucht bei Frauen wird daher vom Umfeld häufig auch erst in einem späteren Stadium entdeckt.

Der Weg aus der Abhängigkeit beginnt mit der Erkenntnis, dass man ein Problem hat. Und diese käme häufig erst, wenn man bereits „ganz unten“ angekommen sei: „Ich hatte schon lange gelitten, konnte es aber nicht aussprechen. Das tat schließlich mein Bruder für mich. Da entschied ich, so kann es nicht weitergehen“, berichtet Eva Söhnchen.

Das Leben mit der Alkoholkrankheit. „Ich bleibe immer alkoholkrank, aber ich kann alkoholfrei leben. Gut leben“, sagt Eva Söhnchen. Ihr Leben hat deutlich an Qualität gewonnen. Heute könne sie sich zum Beispiel wieder darüber freuen, wenn ihr Sohn unangemeldet zu Besuch kommt.

Die Selbsthilfegruppe ist kein Therapieersatz, aber sie gibt Frauen den Raum, offen sprechen zu können, ohne Angst haben zu müssen, be- und verurteilt zu werden. Oder auch einfach nur zu zuhören und zu merken: „Hey, es gibt Frauen, denen geht es genauso wie mir.“ Niemand wird gezwungen zu erzählen, jeder Teilnehmerin wird selbst überlassen, wie weit sie sich aktiv einbringt. Alles bei absoluter Verschwiegenheit nach außen. „Für mich war es wie eine Befreiung, endlich über das reden zu können, was unsere Familie Jahre lange geheim gehalten hat“, erzählt Evelyn Sebastian. Mit dem Schritt in die Gruppe hatte sie endlich wieder das Gefühl, „etwas im Griff zu haben“, und gemerkt, anderen doch helfen zu können: „Ich bin viel selbstbewusster und offener geworden. Und das möchte ich gerne weitergeben.“