: Das bleibt vom Event

Packend, bedrückend, erschütternd, theatralisch, launig, grotesk – das alles ist „Parade 24/7“, die szenische Auseinandersetzung mit der Duisburger Loveparade-Katastrophe 2010 im Schlosstheater Moers. Doch anders als in der offiziellen Aufarbeitung werden hier die Opfer nicht verhöhnt.

„Blumenwiese, Blumenwiese“, sagen sich Leute, wenn sie Kopfkino verhindern wollen. Oder „bunte Bälle! Bunte Bälle!“ Im Schlosstheater geht das Kopfkino schon los, bevor das Stück angefangen hat. Das Gemäuer ist der Tunnel. Und schwarze Bälle, immer mehr.

Die Katastrophe nachspielen, das verbietet sich. Mit den schwarzen Ballons hat Bühnenbildnerin Birgit Angele ein geniales Bild gefunden, die Katastrophe darzustellen, ohne sie nachzuspielen. Gegen das Kopfkino anzugehen oder nicht, bleibt Sache des Betrachters. Die Darsteller spielen nicht Raver; keiner fällt oder drückt jemand anderen weg. Ihre Zuckungen, die sich zum Hüpfen steigern, bleiben abstraktes Tanztheater, eingepackt in betongraue Anzüge. Auch die Musik baut immer mehr Druck auf, und vor allem die O-Töne, aus denen der Text von „Parade 24/7“ ausschließlich besteht und der zu Beginn vom Band kommt, von den sechs Darsteller-Performern eingesprochen. Doch steckt in diesem sich aufbauenden und aufstauenden Druck womöglich genauso viel von dem Druck, der dazu geführt hat, dieses Großevent um jeden Preis durchführen zu wollen.

Es ist ja bekannt, wie’s ausgeht, womit die Sätze der Live-Kommentatoren von vornherein widerwärtig klingen: „Ob’s am Ende für den Rekord reicht und wir uns unsterblich machen?“ Während wiederum die O-Töne aus dem (vielfach gestörten) Funkverkehr der Sicherheitskräfte bestätigen, was jedenfalls im Nachhinein jedem klar zu sein scheint: Das kann, das konnte nicht gut gehen.

Das Nachspiel ist die Tanzrevue, die die Loveparade hätte werden sollen. Meistens mit Nennung des oder der Zitierten, aber ohne dass jetzt immer der oder die Adolf Sauerland spricht und der oder die Wolfgang Raabe etc. (oder gar spielt), werfen die Darsteller mit den vielen unfassbaren Sätzen um sich, die jene gesagt haben, die, wenn schon nicht vorher, nachher hätten Verantwortung übernehmen sollen. „Außerdem war das nicht unsere Zuständigkeit“, zitiert Matthias Heße und lüpft dabei kurz das Jackett, wodurch das paillettenglitzernde goldene Innenfutter sichtbar wird, das auch die Unterseiten der Krawatten ziert (auch die schwarze Rückwand glitzert). Höhepunkt: Die ganze Aufarbeitung der Katastrophe als Taschenspielertrick, wenn sie mit dem Stinkefinger ihre Einstecktücher verschwinden lassen. Alles sitzt wie eine sauber geschmierte Broadway-Choreographie; fast dankbar ist man für den Moment, als Frank Wickermann, nach all dem Zucken und Hüpfen bis zur Erschöpfung, sich einmal verhaspelt, sich entschuldigt und neu ansetzen muss: ein Mensch.

Wie Ulrich Greb den O-Tönen keinen erdichteten Text hinzufügt, so fügt „Parade 24/7“ auch der Loveparade, der Katastrophe wie der gescheiterten Aufarbeitung, nichts hinzu. Warum man sich das ansehen muss (und „Parade 24/7“ unbedingt in Duisburg, Düsseldorf, Essen ... gezeigt werden sollte)? Weil „Parade 24/7“ mit dem nicht nachspielenden, aber bis zur Erschöpfung intensiven, überwältigenden Nachvollzug der Katastrophe kurz vorm absehbaren Ende der juristischen Aufarbeitung schreit: Das kann, das darf so nicht stehen bleiben.