1. Niederrhein

Dörpfeldschule wird Flüchtlingsheim: Großes Interesse beim Infoabend: Eine schöne Stadt wird noch bunter

Dörpfeldschule wird Flüchtlingsheim: Großes Interesse beim Infoabend : Eine schöne Stadt wird noch bunter

Im Januar hatte die Stadt beschlossen, die Dörpfeldschule für die Unterbringung von Flüchtlingen nutzbar zu machen. Gestern Abend gab es einen Infoabend vor Ort, bei dem die allgemeine Situation von Asylbewerbern, die Baumaßnahmen an der Dörpfeldschule und die Arbeit der Flüchtlingshilfe vorgestellt wurden.

Im Anschluss nutzten die Bürger die Möglichkeit Fragen zu stellen.

Rund 250 Leute waren der Einladung in die Turnhalle der Dörpfeldschule gefolgt. Der Beigeordnete Jörg Geulmann wies einleitend auf die Dringlichkeit hin, neuen Wohnraum für Flüchtlinge zu schaffen. Seit 2013 habe sich die weltpolitische Lage so verschlechtern, dass Europa einen wahren Flüchtlingsstrom zu händeln hab. 19 % kommen nach Deutschland, 81 % müssen von anderen Ländern aufgenommen werden. Neukirchen-Vluyn selbst hat keine Entscheidungsgewalt in der Flüchtlingsfrage. Die Bezirksregierung in Arnsberg entscheidet über die Zuteilung zu den einzelnen Kommunen. 2013 waren es 80 Flüchtlinge, 2014 bereits 132. Derzeit ist man bei 145. Tendenz steigend, für Ende 2015 sind 210 Asylbewerber prognostiziert. In den Flüchtlingsheimen am Hugengraben und an der Max-von-Schenkendorfstraße 10 und 12 sei Platz für 75 bzw. 30 Menschen. In angemieteten Wohnungen wurden 36 Plätze geschaffen, allerdings fallen diese Ende Februar weg, da es sich um die Nau-Immobilien handelt. Es braucht mehr Wohnraum! Die wirtschaftlichstes aber auch menschenwürdigste Art der Unterbringung biete nach ausgiebiger Prüfung die Dörpfeldschule, so Geulmann. 80 Personen sollen hier untergebracht werden.

Die Baumaßnahmen an der Dörpfeldschule sollen bald starten. Foto: cb

Über die bevorstehenden Baumaßnahmen informierte im Anschluss Guido Bannasch vom Hochbauamt. Das Kellergeschoss wird neben Wasch- und Trocken auch Technikräume bekommen. Die Wohn- und Aufenthaltsräume werden im Erd- und Obergeschoss geplant. Das Dachgeschoss wird lediglich zum Abstellen und Lagern dienen. Als Außenanlage steht der Schulhof zur Verfügung. Dort wird auch eine Sanitärcontaineranlage aufgestellt, die aus zwei Containern besteht. Ebenfalls von außen sichtbar werden zwei Treppen sein, die als Rettungswege angebracht werden müssen. Während der Bauphase soll es für den Schul- und Vereinssport keine Beeinträchtigung geben. Die geschätzten Kosten belaufen sich auf 748.000 Euro.

Jörg Geulmann erläutert die Dringlichkeit, Wohnraum für Asylbewerber in der Dörpfeldschule zu schaffen. Außerdem soll ein Koordinator für die Flüchtlingshilfe eingestellt und weitere Standorte für Unterbringungen gesucht werden. Foto: kdi

Für überrascht entsetzte Gesichter sorgte die anschließende Schilderung von Martina Schönfeldt vom Amt für Schulverwaltung, Kultur, Sport und Soziales. Dass die Stadt nur zwei Tage Vorlaufzeit habe, sich auf neue Flüchtlinge vorzubereiten, ist bisher anscheinend kaum bekannt gewesen. Auch bekommt die Stadt keine genaueren Angaben zu den Personen, weiß also nicht, "wer sich genau hinter dem Asylbewerber verbirgt". In zwei Tagen muss dann ein Zimmer hergerichtet und Versorgung gewährleistet werden. Außerdem wird die Flüchtlingshilfe informiert, die die Menschen bei ihrer Ankunft in NV am Rathaus in Empfang nimmt.
"Eine genaue Ankunftszeit gibt es übrigens auch nicht. Wir müssen daher in der Lage sein, sehr kurzfristig reagieren zu können", erklärt Anneke van der Veen vom Diakonischen Werk Kirchenkreis Moers, zu dem die Flüchtlingshilfe zählt. Als erstes bekommen die Neuankömmlinge ihre Zimmer gezeigt, dann wird eingekauft. "Viele kommen nur mit den Kleidern, die sie am Körper am tragen." Je nach allgemeiner Verfassung wird ein Umgebungsrundgang unternommen, sonst steht die Eingewöhnung in der Unterkunft an erster Stelle. Auch am nächsten Tag sind die Mitarbeiter der Flüchtlingshilfe vor Ort.

Auf dem Schulhof wird eine Sanitärcontaineranlage installiert. Foto: cb

Besonders problematisch sei, dass viele kein Wort Deutsch sprechen, die Kinder aber sofort schulpflichtig sind. Alleine könne die Flüchtlingshilfe hier keine umfassende Unterstützung bieten. "Seit Mitte des letzten Jahres haben wir aber einen erfreulichen Anstieg an ehrenamtlichem Engagement zu verzeichnen", berichtet van der Veen. Sprachkurse, Sportangebote für Männer, eine Teestube für Frauen oder Patenschaften für Familien - die Unterstützung aus der Bürgerschaft ist vielfältig. "Auch am neuen Standort an der Dörpfeldschule sind wir auf Ehrenamtliche Helfer angewiesen", wirbt van der Veen. "Wer sich engagieren will, wird nicht alleine gelassen. Die Flüchtlingshilfe hat eine extra Stelle eingerichtet, die dafür sorgt, dass das eigene Engagement einem nicht über den Kopf wächst".

In der anschließenden Fragerunde dominiert das Interesse an einer gelungenen Integration, doch auch Ängste werden thematisiert. Eine, doch sehr weit verbreitete, Befürchtung ist, dass die Dörpfeldschule "ein zweiter Hugengraben" wird. Angeprangert wird hier vor allem die Sauberkeit und Sicherheit. Jörg Geulmann warnt an dieser Stelle vor "Verallgemeinerungen" und appelliert an beide Seiten: "Die Anlage Dörpfeldschule wird schön. Ob sie so bleibt, liegt natürlich an den Menschen, die dort wohnen werden. Aber es hängt auch davon ab, wie man mit ihnen umgeht und ob man ihnen ein Chance gibt, hier klarzukommen." Die Anwohner sind jedoch auch aufgefordert, Meldung zu machen, wenn irgendetwas nicht in Ordnung sei. Auch die Kosten scheinen die Anwesenden zu beunruhigen. Mit dem Hinweis, dass die Stadt Moers kürzlich ihre Grundsteuer erhöht habe, kommt nun auch hier die Frage nach einer Finanzierung zu Lasten der Bürger auf. Woher kommt also das Geld? Der Umbau gehe komplett zu Lasten des städtischen Haushalts. Es sei aber keine Einmalzahlung, erklärte Geulmann, der damit rechnet, dass die Stadt 60.000 Euro im Jahr abbezahlen müsse: "Für diese Maßnahme werden wir die Steuern nicht erhöhen müssen." Doch Bürgermeister Harald Lenßen muss relativieren: "Was in den nächsten Jahren noch kommt, wissen wir nicht. Bisher gibt es bereits ein Defizit von 500.000 Euro, das gestopft werden muss. Neben Einsparungen bedienen wir uns Kapitalgeschäften wie Dispokrediten und Darlehnen." Fördergelder von der EU gibt es übrigens nicht. Auch das Land leistet keine finanzielle Unterstützung: "Obwohl der Bund uns die Flüchtlinge zuweist, müssen die Kosten aus kommunalen Mitteln beglichen werden. Wir werden allein gelassen", merkt Lenßen an.

In der Fragerunde wird auch klar, dass die Stadt eine Ghettosierung vermeiden will. Während in anderen Städten 1.000 Asylbewerber in einer Unterkunft untergebracht werden, legt man hier Wert, dass die Rahmenbedingungen menschenwürdig bleiben. "Wir wollen niemanden auf engsten Raum zusammenpferchen", erklärt Lenßen. Die Befürchtung aus dem Publikum, dass es "wie in einer Legebatterie" aussehen werde, scheint also unberechtigt. "In anderen Städten wird ein Privatraum von 4 bis 6 qm pro Flüchtling angesetzt, wir haben 6 qm Individualraum eingeplant, zuzüglich der allgemeinen Flächen wie Küche oder Aufenthaltsräume." Die Unterbringung solle außerdem so sozialverträglich wie möglich organisiert werden. "Wenn wir mehr Platz haben, können wir dahingehend auch besser sortieren", so der Bürgermeister.
Auf Bedrohungen durch Attacken aus der rechten Ecke gäbe es bisher keine Hinweise. "Sollte es Entwicklungen in diese Richtung geben, werden wir entsprechende Maßnahmen treffen, etwa einen Sicherheitdienst", verspricht Geulmann.

Weitere Einwürfe der Anwohner beschäftigen sich damit, wie man Integration erreichen kann. So kommt die Frage auf, wie die Verständigung läuft. "Die meisten Asylbewerber sprechen englisch. Sonst geht's mit Händen und Füßen", weiß van der Veen aus langjähriger Erfahrung.
"Wo kann man Spenden abgeben", fragt eine Familie, die helfen möchte. "Kleiderspenden aber auch Spielzeug können bei der Kleiderkammer in der ehemaligen Diesterwegschule abgeben." Einige Besucher berichten auch von positiven Erfahrungen, die sie selbst als Ehrenamtler in der Flüchtlingshilfe gesammelt oder die sie als Anwohner anderer Unterbringungen gemacht haben.

Klar wird aber auch, dass die Anwohner die Stadt in der Pflicht sehen, Integrationsmöglichkeiten zu schaffen, um Berührungsängste abzubauen. Die Vertreter der Stadt appellieren ihrerseits an die Anwohner, eine offene Willkommenskultur zu pflegen. Bleibt also zu hoffen, dass jeder das seinige dazu tut.
Bleibt zu hoffen, dass jeder das seinige dazu tut, damit Bürgermeister Harald Lenßen Recht behält, wenn er sagt: "Wir leben in einer schönen Stadt, die nun noch bunter wird."