„Wir können eingreifen“

„Wir können eingreifen“

Im kommenden Jahr feiert die Kindernothilfe ihr 60. Jubiläum mit zahlreichen Aktionen vom Neujahrslauf bis zur Wanderung quer durchs Ruhrgebiet. Vorstandsvorsitzende Katrin Weidemann erinnerte bei der Programmvorstellung im Rathaus daran, dass es eigentlich noch viel zu wenige Gründe zum Feiern gibt.

Mit fünf Kindern in Indien fing 1959 alles an. Mittlerweile koordinieren 163 Mitarbeiter vom Standort Buchholz aus Projekte in 33 Ländern der Erde und erreichen so zwei Millionen Kinder und Jugendliche.

Der heute 92-jährige Lüder Lüers ist der letzte Zeitzeuge für die Gründung der Kindernothilfe. "Ich konnte ein bisschen Englisch", erinnert er sich. So fing der Garten- und Landschaftsarchitekt als Übersetzer an. 1963 fuhr er das erste Mal nach Indien; später gab er seinen Brotberuf ganz auf und blieb für sechs Jahre in einem kleinen dorf 150 Kilometer nordwestlich von Madras. "Für meine Frau war's wirklich schwierig", sagt er über die Zeit fernab der hierzulande üblichen Infrastruktur. "Für Jugendliche in den dörflichen Regionen war es damals nicht möglich, eine Schule zu besuchen" — Bildungsförderung ist bis heute der wichtigste Schwerpunkt der Kindernothilfe-Projekte.

2010 war Lüers zum letzten Mal in Indien, da traf er überall mit hunderten von ehemaligen Patenkindern der Kindernothilfe zusammen. "Mit einer Reihe von ihnen stehe ich bis heute in E-Mail-Kontakt." Die Patenkinder sind heute Lehrer, Professoren, Ärzte und Anwälte, haben Spitzenpositionen bei Banken. "Und sie kommen zum größten Teil aus den ärmsten Schichten der sogenannten 'Kastenlosen', die Jahrhunderte lang auf den Feldern gearbeitet haben."

"Eine Patenschaft verändert noch immer die Möglichkeiten eines Kindes", sagt Katrin Weidemann, seit 2014 Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, "und es verändert auch sein Umfeld." Etwa wenn Kinder schreiben lernen, profitieren davon auch die Eltern, mitunter das halbe Dorf.

Das Feiern des Kindernothilfe-Jubiläums ist für sie trotzdem relativ: "Alle zehn Sekunden stirbt ein Kind vor Hunger; 72 Millionen Kinder weltweit müssen schuften; allein in Deutschland werden täglich 36 Fälle von Kindesmissbrauch zur Anzeige gebracht", zählt sie auf und könnte vermutlich noch lange weiterzählen. "Wir dürfen nicht aufhören, Kindern zu ihren Rechten zu verhelfen", sagt sie. "Kinderrechte dürfen keine Träume bleiben", ist deshalb das Jubiläumsjahr überschrieben. Es beginnt am 5. Januar mit dem Kindernothilfe-Neujahrslauf rund um die Sechs-See-Platte. Teilnahmegebühren und alle weiteren Spenden fließen direkt in die Projektarbeit der Kindernothilfe. Anmelden kann man sich unter https://neujahrslauf-duisburg.de/anmeldung/.

Neben der christlichen Motivation geht es für die evangelische Pfarrerin Katrin Weidemann auch um den politischen Aspekt, um Solidarität: "Wir können eingreifen in die eine Welt."

(Niederrhein Verlag GmbH)
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