1. Niederrhein
  2. Duisburg

„Wey sind allemohle Ruhrsche Jonges“

„Wey sind allemohle Ruhrsche Jonges“

Mit einem Aufruf mit Einschulungsfoto von 1953 fing vor fünf Jahren alles an, seitdem treffen sich die "Ruhrschen Jonges" alle sechs Wochen im Ruhrorter Damm-Café.

"Verbrecher kehren ja immer an den Tatort zurück", scherzt Jürgen Vollbach. Bis auf einen wohnen alle Ehemaligen mittlerweile anderswo, in Goch, Moers oder Lintorf; zwei leben gar im Ausland und können nicht kommen: "Da hat das Finanzamt was dagegen ..." Eine lustige Runde.

Seit vier Jahren treffen sich gleichzeitig auch ihre Frauen hier, aber zwei Tische weiter. "Eine reine Platzfrage", erklärt einer, doch ein Kamerad ergänzt: "So kommen wir auch mal zu Wort." Und überhaupt: "Die reden die ganze Zeit über uns." Schließlich sind die meisten schon 50 Jahre verheiratet, und bei vielen ist der Kontakt über die Jahrzehnte nicht abgerissen. Besuche im Heimatstadtteil, etwa zum Ruhrorter Hafenfest, sind willkommene Anlässe zum Wiedersehen. Franz Kühnle, früher Kapitän auf dem Feuerwehrschiff, ist der einzige, der noch im Hafenstadtteil wohnt. Aber wie alle anderen sagt auch Heiner Burchartz, seit 40 Jahren in Meiderich zu Hause, wenn er gefragt wird: "Ich bin alter Ruhrorter."

Was sie zusammenschweißt, sind die Erinnerungen an einen riesigen Abenteuerspielplatz. Da wurden Schiffsteile geklaut und beim Schrotthändler zu Geld gemacht, davon ging's zum Bäcker, "für zehn Pfennig 'ne Krümeltüte" oder "für 30 Pfennig 'ne Tüte Pommes bei Pommes-Helga." Kann aber auch sein, dass die Schrottteile nicht geklaut waren, sondern der Vater von dem einen war Bauunternehmer, und da lagen die Moniereisen halt rum ...

Das Union-Kino, "Tarzan" im Sperrsitz für 1,10, die San Remo Bar gegenüber, der New York City Club, die Namen sprudeln nur so. Was ein wenig melancholisch macht: "Die 100 Kneipen, die es hier früher mal gab, die kriegen wir nicht wieder." Vor allem ein Verlust schmerzt: der Abriss der Altstadt. "Oh, ja ...", da funkeln die Erinnerungen, Namen wie "Bananen-Käte" fallen. "Als Kinder wurden wir immer da weggejagt." Später wurde es geplanter angegangen: "Erst Mut antrinken im 'Anker' (der ehemaligen Schimmi-Kneipe), dann sind wir mit der ganzen Blase zum Puff gezogen, da wartete dann ein Eimer Wasser auf uns ..."

Wie sie das Ruhrort von heute finden sollen, da sind sich die Jungs nicht so ganz einig, "zum Abgewöhnen", findet Paul Rennings, korrigiert dann aber: "Hat Potenzial, wenn man die Häuser ordentlich machen würde." Als Kinder haben sie das freilich anders gesehen; ruinöse Häuser waren die tollsten Spielplätze, die man sich denken konnte.

Eine ganz besondere Kindheit hatte Werner Hammer: Er wurde auf einem Wohnschiff im Nordhafen groß, die komplette Schulzeit über. Dann sollte das Schiff in die Nähe der Vulkanstraße verlegt werden; da zogen seine Eltern den Landgang vor und blieben in Ruhrort. Klein-Marokko hieß das Viertel gegenüber dem Werfthafen, vier verschiedenfarbige Häuser standen da, "das gab's nur in Afrika", daher der Name. Heute ist dort ein Containerterminal — und Duisport. "Die haben mich nicht eingeladen", sagt Klaus Starke, der 42 Jahre lang für die Duisburger Hafen AG gearbeitet hat, zum 300. Hafengeburtstag. Egal, die Runde im Damm-Café ist eh lustiger.

(Niederrhein Verlag GmbH)