Sieghard Erdt berichtet als Zeitzeuge über den „Mauerfall“ vor 30 Jahren

Sieghard Erdt berichtet als Zeitzeuge über den „Mauerfall“ : Erinnerungen: Vor 30 Jahren an der Berliner Mauer

Morgen vor genau 30 Jahren, am 9. November 1989, ereignete sich Historisches in deutschen Landen - der so genannte Mauerfall. Nach der legendären Pressekonferenz des Politbüros der DDR zur „Verkündung der Reisefreiheit“ am Abend in Ost-Berlin, bei der Günter Schabowski, der frisch ernannte „Regierungssprecher“ der DDR voreilig die „unverzügliche“ Öffnung der Grenzen für reisewillige DDR-Bürger bestätigte, machten sich zahllose Menschen auf beiden Seiten der deutsch-deutschen Grenze auf den Weg, eben diese Grenze zu überschreiten. Der Homberger Sieghard Erdt weilte just in diesen Tagen in Berlin (West) und erlebte den historischen Moment mit. Ein unvergessenes Erlebnis, wovon er als Zeitzeuge dem Stadt-Panorama an dieser Stelle berichtet.

Als gebürtiger Ostpreuße aus der Nähe des damaligen Königsbergs, heute Kaliningrad, flüchtete die Familie am Ende des zweiten Weltkrieges gen Westen und landete schließlich zum Teil auch in Homberg. Ein anderer Teil der Verwandtschaft blieb nach dem Krieg im Osten Deutschlands, in der dann späteren DDR. So war die Verbindung Ost-West für Sieghard Erdt bis heute biografisch. Nicht alle Familienbande ließen sich nach der „deutschen Teilung“ aufrecht erhalten, gewollt oder ungewollt. Durch regelmäßige Besuche gerade zu Familienfeiern blieb man zwar im Austausch, aber mit dem Bau der Mauer im Sommer 1961, als sich die deutsch-deutsche Grenze für 28 Jahre weitgehend schloss, und der Ost-West-Konflikt sich verschärfte, gestaltete sich auch das zunehmend schwierig.

„An den Mauerbau erinnere ich mich aus eigener Anschauung sehr wohl, weil ich als Techniker zu der Zeit in Berlin auf einem Lehrgang war.“ Er zückt ein altes Schwarz-Weiß-Foto aus einem Umschlag auf dem mehrere junge Männer im Anzug an der frisch noch mit Stacheldraht gesicherten Mauer im West- Sektor stehen: „Der da in der Mitte, das bin ich“. Fast dreißig Jahre später weilte der mittlerweile zum Wirtschaftsingenieur gereifte Erdt erneut im eingemauerten Westteil der heutigen Bundeshauptstadt: „Ich war damals in die FDP eingetreten und es gab eine parteiinterne Schulung für die Landtagswahlkandidaten in Berlin“, in der geteilten Stadt, in der sich in jenen Tagen Weltpolitik umbrach. Seit Monaten führten die Menschen in der DDR eine `friedliche Revolution´ gegen die Staatsführung und -form. Groß-Demonstrationen in Berlin und Leipzig sowie Botschaftsflüchtlinge in Prag verdeutlichten den Freiheitswillen der Bevölkerung und die Überwindung der deutschen Teilung. Die machtpolitisch überforderte DDR-Führung, ihrer autoritären Unterstützung durch die Sowjetunion entledigt, konnte den „demokratischen Wandel“ nicht mehr aufhalten und musste in Sachen Reisefreiheit liefern. Dass der in jenen Tagen ausgearbeitete liberale Gesetzentwurf das Politbüro passierte und öffentlich wurde, bleibt erstaunlich und ist möglicherweise nur auf ein Versehen zurückzuführen. Allerdings sollte er dann erst am 10. November „kontrolliert“ in Kraft treten.

„Wir waren grenznah in einem West-Berliner Hotel untergebracht und verfolgten am Abend die politischen Nachrichten“, erinnert sich Erdt, „als die besagte Pressekonferenz über die Mattscheibe flimmerte und Schabowski auf die Nachfrage eines Journalisten, wann denn die gelockerten Ausreiseregelungen für DDR-Bürger greifen würden, antwortete: `... nach meiner Kenntnis... ist das sofort... unverzüglich´. Zunächst klang das unglaublich. Als kurze Zeit später andere Rundfunkanstalten die angebliche Grenzöffnung bestätigten, eilten wir sofort zum nächstgelegenen Grenzübergang, um uns selbst davon zu überzeugen. Bereits in der Hotel-Lobby lagen sich fremde Menschen unterschiedlichster Nationalitäten in den Armen und freuten sich, ob der `guten Nachrichten´. Mich persönlich beglückwünschte zuerst eine Schweizerin zur Öffnung der Grenze“, erzählt Erdt und fährt schwelgend fort:

„Was sich dann auf den Straßen und an den Grenzübergängen abgespielt hat, kann man eigentlich gar nicht beschreiben, sondern muss man erlebt haben. Auf West-Seite hielten sich die Grenzschutzbeamten sehr zurück, auf Ost-Seite waren die vom Ansturm völlig überraschten und uninformierten NVA-Grenzer anfangs noch sperrig und versuchten zu kontrollieren. Doch als sich immer mehr Menschen sammelten gaben die Grenzer schließlich auf, öffneten die Schlagbäume und die Menschen lagen sich im Trabi-Nebel jubelnd in den Armen. Sektkorken knallten.“ Wie viele Umarmungen Erdt selbst in diesen Stunden erfahren hat, kann unmöglich beziffert werden. Fest steht, dass die Euphorie grenzenlos war! „Es herrschte emotionaler Ausnahmezustand. In dem Moment waren wir alle geliebte Brüder und Schwestern - eine Familie, ein Volk. Von `Ossi´ und `Wessi´ sprach hier niemand. Diese Unterscheidung wurde erst später geschaffen“, so Erdt. „Es dauerte nicht lange, da kletterten die ersten Menschen auf die Grenzmauer und die so genannten `Mauerspechte´ fingen an zu hämmern, um dem bekannten Ausruf `Die Mauer muss weg´ auch Taten folgen zu lassen. Bis in die frühen Morgenstunden hinein wurde so unbekümmert und unvoreingenommen gefeiert.“

Unser Zeitzeuge aus Homberg war dann noch drei Tage vor Ort als sich Gewissheit breit machte: das Rad der Geschichte ließ sich nicht mehr zurückdrehen. Die Grenze blieb offen - Bananenlaster kreuzten auf und die 100 DM-Begrüßungsgeld lockten die Menschen aus der DDR in den Westen.“

Sieghard Erdt, der sich nach der Wiedervereinigung privatwirtschaftlich in Ostdeutschland engagierte, hätte sich gewünscht, dass die zivilen Kräfte, die damals die Mauer zu Fall brachten, auch mehr in den Wiedervereinigungsprozess eingebunden gewesen wären. „So wurde staatlich deren Entmündigung betrieben und den Menschen in der ehemaligen DDR das West-System übergestülpt. In der Folge wurden Begehrlichkeiten geweckt (`Blühende Landschaften´), die in den vergangenen 30 Jahren vielfach enttäuscht wurden.“

(TV)
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