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Mit dem E-Mobil unterwegs durch Neudorf

Mit dem E-Mobil unterwegs durch Neudorf

"Möchten Sie mal selbst E-Mobil fahren", stand in der Einladung des VdK-Ortsverbandes Neudorf. Gemeint war dabei nicht etwa eine E-Auto sondern die kleinen Elektro-Scooter, mit denen sich gehbehinderte Menschen einen Rest an Mobilität sichern.

Der VdK will so mal aufzeigen, vor welchen Problemen gehbehinderte Menschen tagtäglich stehen.

Kleine Reifen: So wird jede Bordsteinkante zu einem unüberwindlichen Hindernis. Foto: vowie

Eine Einladung, die die Redaktion gerne annahm, und so machte ich mich zum verabredeten Termin auf, um mit Dieter Steinhauer, der seit rund elf Jahren auf ein solches Mobil angewiesen ist, eine kleine Tour zu machen. Nach kurzer Einweisung — Startknopf, Geschwindigkeitsregelanlage — ging es an die erste Proberunde auf dem Grundstück an seinem Haus. Und siehe da, die Standardausführung des E-Scooters — 12 Volt, 40 Amperestunden aus einer Bleibatterie — hat nichts von der Beschleunigungsfähigkeit beispielsweise eines Elektrofahrrads. Nur relativ langsam fährt das Gefährt an: Ebenso langsam geht es jedoch auch beim Bremsen und daran muss man sich noch mehr gewöhnen.

Zwischen Betonblock und Sandhaufen wäre die Fahrt schon wieder fast zu Ende gewesen. Foto: vowie

Dann geht es auf den Bürgersteig, wir wollen den Sternbuschweg überqueren. Doch siehe da, die Fußgängerampel, die direkt an Dieter Steinhauers Wohnung liegt, ist außer Betrieb. Die Ersatzampel ist gut zehn Meter weiter montiert. Wer zu Fuß unterwegs ist, wird dies zu schätzen wissen. Mit dem E-Scooter wird diese jedoch im Grunde unpassierbar, denn an der Stelle, wo die Ersatzampel aufgestellt ist, sind natürlich die Bordsteinkanten nicht abgesenkt. So käme man zwar noch mit viel Gerumpel und einem heftigen Stoß in den Rücken — die E-Scooter sind mehr oder weniger ungefedert — die Bordsteinkante runter. Auf der anderen Straßenseite aber niemals wieder hoch, denn die kleinen Reifen können solche Barrieren nicht überwinden. Also geht die nicht gehbehinderte Neudorfer Vorsitzende des VdKs, Gisela Schiffer zur Behelfs ampel, um hier den Fußgängerknopf zu drücken, während wir vor der eigentlichen Fußgängerampel warten und auf ihr Winken die Straße in Höhe der Bordsteinabsenkungen zügig zu überqueren. Doch wie gesagt, was heißt schon zügig.

Jeder Schrit..., pardon jede Radumdrehung, will wohlüberlegt sein: Mal eben schnell über die Fahrbahn, um dem Verkehr zuvor zu kommen, ist mit dem E-Scooter unmöglich, es sei denn man ist lebensmüde.

Dies wird dann auch an der Fußgängerampel an der Koloniestraße gegenüber der Duisburger Staatsanwaltschaft deutlich. Wer hier als E-Scooter-Benutzer nicht genau schaut, steht vor einem Hindernis. Von Neudorf-Mitte kommend, ist der Bordstein abgesenkt, das Gegenstück fehlt jedoch, so dass man mit dem E-Scooter rund 25 Meter über die Koloniestraße fahren muss, um die nächste Absenkung, die eigentlich für Fahrradfahrer gedacht ist, zu finden. Währenddessen hat die Ampel jedoch schon wieder umgeschaltet und die Autos schleichen, zum teil wild hupend, hinter einem her. Woher sollen die Autofahrer vom Barriereproblem, des maximal sechs Stundenkilometer schnellen E-Scooter-Fahrers auch wissen.

Und selbst da, wo auf den ersten Blick alles okay zu sein scheint, liegt der Teufel durchaus im Detail. So zum Beispiel am Seniorenstift an der Ecke Karl-Lehr-Kommandantenstraße. Vorbildlich gibt es hier gleich drei abgesenkte Überwege über die Straßen. Alle sind mit maximal rund acht Jahre relativ neu. Doch bei einem der Überwege ist die Absenkung der Mittelinsel nicht tief genug. "Wenn ich hier rüber fahre, bekomme ich einen richtig Schlag in den Rücken", beklagt Dieter Steinhauer: "Das ist nicht nur unangenehm, sondern schmerzt!"

Und weiter geht die Fahrt zurück zur Wohnung von Dieter Steinhauer. "Hier fahren wir über den Parkplatz des Discounters — das geht schneller", meint der langjährige Scooterfahrer, um an der Baustelle knapp vor seiner Haustür vor dem nächsten Hindernis zu stehen. Die Bauarbeiter haben Sand abgeladen. Fußgänger kommen zwischen dem Sockel des Baustellenschilds und dem Sand problemlos vorbei, Scooterfahrer nicht. Doch der Mann vom Bau schippt den Sand schnell beiseite, bis die Durchfahrt möglich ist. Zu Fuß hätte man für die kleine Strecke rund 12 Minuten benötigt, mit dem Scooter hat es etwa doppelt so lange gedauert.

Und dies ist nicht das einzig Handicap, noch viel entscheidender ist die Reichweite: Im Sommer reicht der Strom bis maximal zur Regattabahn oder zum Innenhafen. Doch im Winter, bei Kälte, wenn die Akkukapazität sinkt, ist bei der Eisenbahnsiedlung in Wedau oder die Stadtmitte endgültig Schluss. "Ich muss ja immer auch den Rückweg berücksichtigen", beschreibt Dieter Steinhauer und bedauert, dass die Verkehrsbetriebe normale E-Scooter und -Mobile nicht mehr transportieren. Nur neueste Modelle mit Feststellbremse und Sicherungsmöglichkeiten sind dann zugelassen, wenn die Busse und Bahnen auch über entsprechende Sicherungselemente verfügen. "Die kann ich mir jedoch nicht leisten", bemerkt Steinhauer und fügt an: "Die Mobile sind im übrigen sehr schadensanfällig. Wer so wie ich, das Mobil fast täglich benutzt, braucht alle zwei Jahre ein neues. Und das bei einem Preis um die 4.500 Euro."

Auch öffentliche Toiletten, sofern denn überhaupt in Duisburg verfügbar, sind für E-Scooter-Fahrer praktisch nicht erreichbar. Und selbst Ärzte und Apotheken können nicht wirklich frei gewählt werden, denn viele Praxen bleiben mit dem E-Mobil unerreichbar. Deshalb richtet der VdK einen Appell an alle Verantwortlichen, sich dem Problem der gehbehinderten Menschen anzunehmen. Davon gab es im Dezember 2016 immerhin 26.000 Bürger Duisburgs.

(Niederrhein Verlag GmbH)