Adolf Sauerland als Zeuge beim Loveparade-Prozess: „Klein-Erna würde sich wundern“

Adolf Sauerland als Zeuge beim Loveparade-Prozess : „Klein-Erna würde sich wundern“

Adolf Sauerland hatte mit der Genehmigung der Loveparade nichts zu tun — so lässt sich zusammenfassen, was der damalige Duisburger Oberbürgermeister heute als Zeuge im Strafverfahren aussagte.

Der große Saal im Congress Center Düsseldorf, wo die 6. Große Strafkammer des Landgerichts Duisburg die "Strafsache Dressler und andere" verhandelt, war weniger voll als erwartet. Klar, Angeklagte und Nebenkläger sowie ihre Anwälte füllten die Flügel rechts und links, auch die Presseplätze waren fast komplett belegt, im Zuschauerbereich dagegen blieben zwei Drittel der Plätze frei.

Die Vernehmung des Zeugen Sauerland verlief auch ziemlich überraschungsfrei. Wie ein Mantra verwies der Ex-OB immer wieder darauf, mit der konkreten Planung und Genehmigung nichts zu tun gehabt zu haben, die sei Sache "der Fachlichkeit" gewesen; an einzelne Gespräche könne er sich "jetzt nicht mehr erinnern". Der Vorsitzende Richter Mario Plein war irgendwann so ermüdet, dass er den in einem Dokument komplett mit Großbuchstaben geschriebenen Namen des Sicherheitsdezernenten Rabe wie eine Abkürzung vorlas.

2007, als Berlin die Loveparade nicht mehr haben wollte, habe der Kommunalverband Ruhr (KVR), Vorläufer des heutigen RVR, die Veranstaltung ins Ruhrgebiet holen wollen; Duisburg wäre nach erster Planung 2009, weil aber da der "Deckel" über der A 59 noch nicht fertig gewesen wäre, dann 2010 als Veranstaltungsort vorgesehen. Der Rat der Stadt Duisburg habe dem mit überwältigender Mehrheit zugestimmt — immer unter der Prämisse der Genehmigungsfähigkeit. Dann habe er, Sauerland, eine Projektaufstellung vorgenommen. Weil noch nicht absehbar war, welche Dezernate bzw. Ämter zuständig sein würden, habe die Federführung beim Ordnungs- und Rechtsdezernenten Wolfgang Rabe gelegen. "Meine Aufgabe war zu diesem Zeitpunkt 'keine Aufgabe'", so Adolf Sauerland. "Ich war zwar Ansprechpartner, konnte aber keine Genehmigungen erteilen und auch keine Absagen."

Auch wenn sein Pressereferent Josip Sosic an mehreren Besprechungsrunden teilgenommen habe, so sei weiterhin Wolfgang Rabe sein Ansprechpartner gewesen, auch als klar geworden war, dass einzelne Genehmigungen in die Zuständigkeit von Planungsdezernat bzw. Bauamt fallen würden. Es habe "hier und da Friktionen gegeben", so Sauerland in Anspielung auf ein Schreiben der Bauamtsleiterin mit handschriftlichem Vermerk des Planungsdezernenten, die beide auf der Anklagebank sitzen. Sauerland habe sich aber immer darauf verlassen, dass diese Friktionen von den Dezernenten ausgeräumt würden.

Welche Aufgaben und Zuständigkeiten einzelne Amtsleiter und Mitarbeiter genau gehabt hätten, das habe Sauerland "im Detail nicht erfahren", so der 62-jährige Pensionär. Dass Ordnungsamtsleiter Peter Bölling kein Freund der Loveparade war, habe er gewusst, dessen Gründe aber nicht gekannt, so Sauerland — bei der polizeilichen Vernehmung nach seiner Abwahl hatte Sauerland dagegen auf die Frage, ob er wusste, dass Bölling ein Kritiker der Loveparade sei, mit "nein" geantwortet. Von "drei Reißleinen", die Bölling zur Absage der Loveparade mit Gesichtswahrung des Oberbürgermeisters vorgeschlagen habe, wisse er nichts; einzig das Argument "Duisburg hat kein Geld" sei ihm bekannt gewesen, dass habe aber nicht verfangen, weil das Land die Durchführung wollte und unterstützend einspringen würde, "und so ist es dann ja auch gekommen".

Als Polizeipräsident Rolf Cebin mit seinen Bedenken an die Öffentlichkeit getreten sei, habe er das, wie "alle Bedenken ... in die Fachlichkeit gegeben. Dadurch, dass das Projekt weiterlief, bin ich davon ausgegangen, dass die Bedenken ausgeräumt wurden", so Sauerland. "Wenn ein Polizeipräsident öffentlich Kritik übt, würde mich das als OB unruhig machen", wunderte sich Richter Plein, dass Sauerland da offensichtlich nicht nachgehakt habe. Auch davon, dass der Sicherheitsexperte Manfred Schreckenberg hinzugezogen wurde, will Sauerland erst "im Nachgang der Loveparade" erfahren haben, obwohl nach einem Schreiben der OB-Sprecher Sosic die Personalie Schreckenberg ins Spiel gebracht hatte.

"Klein-Erna würde sagen: 'Das ist schon komisch'", kommentierte Richter Mario Plein diese Unkenntnis in Detailfragen: "Wir reden hier ja nicht von einem Flohmarkt in Duisburg-Marxloh. Das ist schwer nachvollziehbar."

Die letzten Genehmigungen seien erteilt worden, als Sauerland im Urlaub in Österreich weilte, in der Woche vor der Loveparade.

Bei der Loveparade in Duisburg am 24. Juli 2010 kamen im Gedränge einer Massenpanik 21 Menschen ums Leben, über 600 wurden verletzt bzw. traumatisiert. Im Strafprozess vorm Landgericht Duisburg sind sechs städtische Mitarbeiter, darunter der damalige Planungsdezernent und die Bauamtsleiterin, sowie vier Beschäftigte des Veranstalters Lopavent angeklagt. Nach dem ehemaligen Oberbürgermeister Adolf Sauerland wird auch der damalige Rechtsdezernent Wolfgang Rabe noch als Zeuge gehört werden.

(Niederrhein Verlag GmbH)
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