: Jürgen Widera geht in den Ruhestand

: Jürgen Widera geht in den Ruhestand

1988, die Krupp-Krise tobte. In der Kruppschen Menage diskutierten 800 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre nächsten Schritte gegen die Betriebsschließungen. In diesem Kreis ein damals noch ganz unbekannter junger Pfarrer. Unversehens war Jürgen Widera aus seinem kirchlichen Probedienst in die heiße Phase des Protestes geschlittert.

„Es war letztlich ein erfolgreicher Arbeitskampf, durch den ich viel für die folgenden Auseinandersetzungen und Proteste gelernt habe. Und Kontakte wurden geknüpft zu den Gewerkschaften, die Streikenden gewannen Vertrauen“, erinnert sich der Pfarrer des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) Niederrhein. Das Vertrauen brachte Gewerkschaften und Kirchen immer wieder zusammen, z. B. 1992 – in einer Zeit furchtbarer Übergriffe auf Asylbewerber in Rostock, Hoyerswerda, Hünxe und anderswo – als IG Metall und die Evangelische Kirche Tausende zum zweitägigen Festival „Freundschaft ohne Grenzen“ im Landschaftspark Nord gegen Ausländerfeindlichkeit zusammenbrachten. Vertrauen war es, das 1995 Bergarbeiterfrauen über sechs Wochen die evangelische Christuskirche in Kamp-Lintfort besetzen ließen, um gegen die Kohlepläne der Bundesregierung zu demonstrieren. Als BenQ-Siemens das Werk am Niederrhein schließen wollte oder Desowag in Rheinberg, stand der KDA den Streikenden zur Seite, um ihnen den Mut zu geben zu kämpfen, zumindest für einen guten Sozialplan, und um die Selbstachtung zu wahren.

„Es liegt nicht in der Macht der Kirche, in den Konflikten der Arbeitswelt wirklich Lösungen herbeizuführen. Unser Beitrag besteht darin, den Menschen Mut zu machen, ihnen Kraft zu geben. In Gesprächen, mit Gottesdiensten, durch öffentliche Einmischungen und deutliche Stellungnahmen“, betont Widera. So wie beim großen Konflikt mit der Citibank: Mitarbeitende des Callcenters hatten für einen Haustarifvertrag gestreikt und waren entlassen worden. Der KDA forderte öffentlich: „Eröffnen Sie kein Konto bei der Citibank!“. Eine Millionenklage drohte drei Instanzen lang, aber der KDA pochte weiter auf die Solidarität, zuletzt mit richterlicher Bestätigung. Es sei Aufgabe der Kirche, für die Rechte der Schwachen aufzustehen.

„Wir waren 32 Jahre erfolgreich im Sinne des kirchlichen Auftrags unterwegs und haben einiges Positive für die Menschen und die Region mitbewirkt. Unsere Aufgabe war, Brücken zu schlagen zwischen Kirche und Arbeitswelt, als Kirche im Betrieb tätig zu sein und die Arbeitswelt in der Kirche zum Thema zu machen. Wir haben Betriebe besucht, Gottesdienste mit Landwirten, Bergleuten und Stahlwerkern gefeiert, an der Seite der Kumpel gestanden, als es um den Kohlekompromiss ging. Wir haben Fortbildungen organisiert und mit Auszubildenden der Stahlindustrie Seminare durchgeführt, um die Achtung und Respekt füreinander am Arbeitsplatz zu fördern. Ich bedauere sehr, dass die rheinische Kirche dieses Arbeitsgebiet, das die Präsenz in den Betrieben garantiert, nicht fortsetzt.“

Mit Jürgen Wideras Weg in den Ruhestand soll die KDA-Arbeit in die Arbeit des „Evangelischen Laboratoriums“ überführt werden,eine Veranstaltungsplattform, die der KDA gegründet hat. Es untersucht die sozialen und ökonomischen Beziehungen auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes, sucht das Gespräch mit Wirtschaft, Gewerkschaft und Politik, ist seelsorgerlich für Arbeitnehmende wie Unternehmensleitende tätig und organisiert Fortbildungen.