Jochen Gerz will nicht ins Museum

Jochen Gerz will nicht ins Museum

Am Sonntag, 23. September, um 15 Uhr eröffnet Konzeptkünstler Jochen Gerz "The Walk — keine Retrospektive". Am, nicht im Lehmbruck-Museum.

Böswillig könnte man sagen: Jochen Gerz ist faul. Was allein ihn schon rundum sympathisch macht, was aber zweitens zu allen Zeiten allen Künstlern nachgesagt wurde. Also genauer: Als Konzeptkünstler lässt Jochen Gerz eher Kunst entstehen als das er sie selber macht. Das Kunstwerk ist dann weniger ein Objekt oder Bild, sondern vielmehr das, was der Betrachter sich denkt.

A bisserl was macht er aber schon oder lässt er machen. Text zum Beispiel. Wie im Kulturhauptstadtjahr 2010, als 73 Teilnehmer, 26 von ihnen in Hochfeld, an "2-3 Straßen" mitwirkten und übers Jahr 10.000 Texte erstellten, die 3.000 Buchseiten füllten. "Das Jahr ist das Werk", erklärte Gerz damals.

Die Jahre sind auch Teil des Werks bei "The Walk", der Nicht-Werkschau, die eben nicht im, sondern am Lehmbruck-Museum gezeigt wird. In zwei Jahren wird Jochen Gerz 80. Aus den Erfahrungen seiner acht Jahrzehnte ist der Text entstanden, der ab Sonntag auf der Glasfassade des Lehmbruck-Museums zu lesen ist. Begleitend dazu hat die Rheinische Post ein Textheft herausgebracht, das für die jeweiligen Jahrzehnte — und für Jochen Gerz — wichtige Daten festhält, quasi als Fußnoten.

Füße spielen auch eine Rolle: The Walk — der Gang, der Weg. Ein Steg führt an der Fassade des Museums entlang, damit's kein Opernglas zum Lesen braucht. Dem Museumsbetrieb und dem Kunstmarkt stand Jochen Gerz — dessen erste Werkschau 1975 im Lehmbruck-Museum zu sehen war — immer kritisch bis ablehnend gegenüber. Deshalb kommt "The Walk" nicht ins Museum. Und weil "The Walk" an der Außenwand den öffentlichen Raum bespielt, die nicht nur für Jochen Gerz "schönste Galerie der Erde".

Trotzdem wird der Steg auch neue Einblicke ins Museum ermöglichen. "Ein Blick zurück, ein ungewöhnlicher Blick von außen auf das Museum, sein Wirken in die Stadt hinein, und ein Blick nach vorne: Richtung Zukunft von Kunst und Zivilgesellschaft. Der Text verwandelt das Museum in ein gigantisches Buch: Jede Scheibe der sieben Meter hohen Glasfassade wird zu einer Textspalte einer exemplarischen Erzählung. Die Biografie wird zum Verweis auf die Welt — und auf den Blick von draußen", um mal ganz faul ein Stück aus dem Pressetext des Museums hierher zu kopieren. "THE WALK ist ein Weg — der des Künstlers wie des Besuchers — durch unruhige Zeiten: der Krieg, die 'Steinzeit' der Bundesrepublik Deutschland der 1950er Jahre, die Geburt der Zivilgesellschaft in den 1960ern, der Topos Erinnerung in den 1970ern, die technologischen Invasionen des täglichen Lebens, die Entdeckung der Nachhaltigkeit und die immer instabilere Perspektive Europa seit den 1980er und 1990er Jahren bis heute. Jemand erzählt sein Leben, ist der Autor dieser Geschichte und stellt zugleich die Frage: Wie erlebst du diese Zeit? Ist das deine Geschichte? Wie stellst du dir unsere Zukunft vor? [...] Wer sich selbst in der Welt sehen will, muss ihr Autor werden. THE WALK ist ein gemeinsamer Weg, auch wenn ihn jeder alleine geht."

Die Eröffnung am Sonntag, 23. September, 15 Uhr, findet zum Teil dann aber doch drinnen statt, mit Grußworten vom Oberbürgermeister und der Kulturministerin und einer Gesprächsrunde über den öffentlichen Auftrag von Kunst — da ist der Zugang allerdings nur mit Anmeldung möglich, da der Platz begrenzt ist. Draußen weniger: Da wird dann Lehmbruck-Direktorin Söke Dinkla auf dem Steg eine Einführung halten und Jochen Gerz mit diversen Teilnehmern zwei Gesprächsrunden drehen.

Bis zum 5. Mai 2019 ist "The Walk" dann in der schönsten Galerie der Welt zu sehen.

(Niederrhein Verlag GmbH)
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