Bildhauer Jörg Mazur stellt bei den Akzenten sein aktuelles Projekt vor: ein Denkmal für den Wal im Rhein: Heimat für Rhineheart

Bildhauer Jörg Mazur stellt bei den Akzenten sein aktuelles Projekt vor: ein Denkmal für den Wal im Rhein : Heimat für Rhineheart

1966 war’s, wohl jeder Duisburger kennt die Geschichte, die Duisburg damals bundesweit in die Schlagzeilen brachte: Am 18. Mai melden einige Rheinschiffer, dass sie einen weißen Wal im Rhein gesehen haben.

Die 36. Duisburger Akzente, die am 6. März beginnen, haben das Thema „Heimat“. Jörg Mazur ist kein Duisburger, und er ist auch erst drei Jahre, nachdem der Wal im Rhein auftauchte, geboren, in Oberhausen, wo er auch heute noch lebt. Und doch ist die Geschichte vom Beluga im Rhein quasi seine Heimat. Diesem Wal will Mazur ein Denkmal setzen. Und ihm dazu noch einen neuen Namen verpassen.

„Die Geschichte vom Wal im Rhein wurde damals überall erzählt, ich bin damit aufgewachsen“, erzählt Jörg Mazur. „Damals wurden dann ja auch Belugas in den Duisburger Zoo geholt. Das waren die ersten Wale, die ich gesehen habe. Ich war sofort elektrisiert.“ Von seinen Eltern bekam er jede Menge Bücher über Wale geschenkt, und natürlich saß der junge Jörg auch vorm Fernseher, wenn Jacques Cousteau auf der „Calypso“ die Weltmeere erkundete.

Jetzt schnitzt Jörg Mazur an Entwürfen für das Denkmal für „Moby Dick“, wie der Weißwal damals schnell getauft wurde. Das Material ist Styrofoam, federleicht und gut zu bearbeiten. Noch sind die Studien in handlicher Größe, vielleicht 40, 50 Zentimeter hoch. Während der Akzente wird Jörg Mazur dann an einer Gussvorlage, etwa zwei Meter im Durchmesser, arbeiten, und das vor Zuschauern und an verschiedenen Standorten. So wie der Beluga damals wird Jörg Mazur mit seinem Modell an verschiedenen Orten – nicht nur am Rhein – auftauchen: Im ehemaligen Uni-Polster-Geschäft, einem der Akzente-Spielorte in der Altstadt, geht’s los, dann aber schon ans Wasser zum „Hübi“ in Ruhrort und ein Stück weiter zur Ruhr Art Galerie am Leinpfad; am Lehmbruck-Museum und beim „Ziegenpeter“ in Rheinpark wird Mazur mit seinem Wal-Modell ebenso Halt machen wie in Homberg im Café Rheinblick, im Zoo Duisburg selbstverständlich auch, im Binnenschifffahrtsmuseum ebenfalls. Und in der Kunsthandlung Kugel wird er einen der ersten Güsse seines Weißwals zeigen sowie eigene Ölbilder zum Thema. Irmhild Kugel war Jörg Mazurs erste Unterstützerin für das Projekt, von dem mittlerweile auch die Akzente-Macher schwer begeistert sind.

Jörg Mazur hat lange geschwankt zwischen seinen künstlerischen Ambitionen und Meeresbiologie. „Seit ich sechs war, sind wir in den Ferien immer ans Meer gefahren, mit elf Jahren habe ich einen Tauchkurs gemacht.“ Und als ihm sein Vater im Urlaub erzählt, dass er beim Angeln in der Ostsee einen Schweinswal gesehen hat, da schlägt Jörgs Fantasie Purzelbäume. Auf seinem ersten Aquarell, das der 14-Jährige für seinen Vater malt: lauter Wale.

Meeresbiologie wird es dann nicht, Jörg entscheidet sich für Kommunikationsdesign an der Gesamthochschule Essen, mit den Schwerpunkten Freie Graphik und Zeichnen. Später wendet er sich verstärkt der Bildhauerei zu. Doch haben ihn die Meeressäuger niemals losgelassen: Seine Diplomarbeit, die er 1998 im Oberhausener Gasometer präsentiert, ist die Skulptureninstallation Delphinidae Delphinoidae – lebensgroße Skulpturen sämtlicher Delfine und Delfinartigen. „Ich wollte die Evolution als Einheit zeigen, wie eine Versammlung.“ Ein Demonstrationszug, dem sich alle Arten angeschlossen haben, und sie verkünden: „Wir sind 45 Arten, und wir wollen 45 Arten bleiben.“ Mit dabei ist natürlich auch ein Beluga; er schwimmt ziemlich vorneweg. „Weißwale sind besonders bekannt für ihre Gesänge. In meiner Installation macht der Weißwal quasi den Schlachtruf.“

Für die Skulptur zum Wal im Rhein hat sich Jörg Mazur für die Form der Büste entschieden. „So bringt die Skulptur das Auftauchen auf den Punkt“, erklärt Mazur, „das senkrechte Auftauchen ist ein typisches Verhalten von Walen, ’Skyhopping’ genannt, das sie zur Orientierung nutzen.“ Gleichzeitig ist eine Büste die bevorzugte Art und Weise, in der berühmte Persönlichkeiten dargestellt werden. Wie zum Beispiel Dr. Gewalt. Der Direktor des Duisburger Zoos war 1966 ganz versessen darauf, den Beluga für seinen Tierpark einzufangen. Doch er hatte nicht mit der Solidarität für „Moby Dick“ gerechnet. Als Gewalt den Wal mit einer orangefarbenen Boje markieren und narkotisieren wollte, warfen Tierfreunde aus einem kurzerhand gecharterten Luftschiff kistenweise Orangen in den Rhein, um von der Markierungsboje abzulenken.

„Natürlich sollten Tiere in Freiheit leben“, findet Jörg Mazur. Aber auch er hat Delfine und eben Belugas zuerst im Duisburger Zoo gesehen und findet die Zuchterfolge am Kaiserberg durchaus beeindruckend. Und Ferdinand, der Beluga, der im Sommer 2004 aus dem Zoo Duisburg nach San Diego verlegt wurde, lebt immer noch. Außerdem tun Zoos etwas für Arterhaltung und leisten aufklärerische Arbeit. Früh schon hat Jörg Mazur engen Kontakt zum Duisburger Zoo gesucht, heute steht eine Skulptur von ihm im Delfinarium: ein Schweinswal – mit Kopfhörer. Eine Schautafel erklärt, worum’s da geht: Niederfrequentes Sonar, mit dessen Schallwellen der Meeresgrund zum Beispiel nach Bodenschätzen abgesucht wird, schädigt Wale und andere Meeresbewohner durch Lautstärke und Frequenz massiv; es ist lauter als alles, was es sonst im Meer zu hören gibt.

Artenschutz, Tierschutz ist immer auch ein Thema für Jörg Mazur, und der Wal im Rhein steht auch für Umweltschutz: Höhepunkt seiner Odyssee war sein Auftauchen am 14. Juni 1966 in Bonn, wo der Beluga eine Bundespressekonferenz sprengte. Dort konnte dann jeder sehen, was die damalige Kloake Rhein angerichtet hatte: Der Beluga war übersät mit Ekzemen. Noch im selben Jahr wurden Gesetze zur Renaturierung des Rheins verabschiedet.

Ein Denkmal für den Umweltschutz also, das ist das eine. Doch noch etwas fasziniert Jörg Mazur an der Geschichte vom Wal im Rhein, etwas, das auch in seiner Kunst eine große Rolle spielt. „Der Wal im Rhein hat Menschen zusammengebracht. Immer geht es doch um Abgrenzung, aber hier haben Menschen Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt“, sagt Jörg Mazur. „Wahrscheinlich hat das was damit zu tun, dass ich genau während der Mondlandung zur Welt gekommen bin. Da haben Menschen mit Menschen mitgefiebert. Und drei Jahre vorher eben mit einem Wal im Rhein. Eintracht ist für mich ein ganz hoher Wert.“ Concordia, Eintracht heißt auch eine Skulptur, mit der Jörg Mazur 2013 in Oberhausen einiges Aufsehen erregte. Diesmal war es kein Wal, sondern eine Frau, tanzend, etwas rundlich und nackt. Ein Denkmal der Lebensfreude – doch Oberhausens Gleichstellungsbeauftragte fand: „Das geht gar nicht.“ Erstaunlich, wie es manche Menschen immer wieder schaffen, die dümmsten Klischees noch mühelos überzuerfüllen ... Die Wogen haben sich mittlerweile gelegt, es sieht ganz gut aus für Concordia.

Auch „Rhineheart“ soll irgendwann mal als überlebensgroße, in Stahl gegossene Büste am Rhein stehen, am besten ab 2016, dem 50. Jubiläum seines Auftauchens (und zugleich dem 300. Geburtstag des Duisburg-Ruhrorter Hafens – hallo, duisport!). Den Guss will Jörg Mazur mittels Crowdfunding finanzieren. Aber wieso heißt Moby Dick jetzt Rhineheart? „Er hieß ja gar nicht Moby Dick, jedenfalls nicht nur“, erklärt Jörg Mazur. „In Köln wurde er auch ’Lümmel’ genannt, in Holland hieß er ’Willy’. Moby Dick ist doch durch die literarische Figur besetzt. Der Wal im Rhein sollte einen Namen haben, der ihm würdig ist. Der deutsche Name Reinhard kann als ’weiser Ratgeber’ übersetzt werden, und ein solcher weiser Ratgeber ist der Wal im Rhein ja gewesen und ist er immer noch.

Und in der englischen Variante ’Rhineheart’ wird er zum Herzen des Rheins.“ Und auf die Herzen an Rhein und Ruhr hat es Jörg Mazur mit Rhineheart abgesehen. „Mit dem Lächeln eines Delfins (und der Weißwal gehört ja zu den Delfinartigen) könnte Rhineheart eine lokale Landmarke werden, die auf charmante Weise als Weißwal für die Reinheit des Rheins und einen respektvollen Umgang mit der Ressource Wasser wirbt“, so hat es Mazur für seinen Akzente-Antrag formuliert. „Die Skulptur soll ein Stück Geschichte am Niederrhein lebendig halten, ihr Anblick soll Spaß machen“, wünscht sich der Bildhauer, und angesichts seiner bisherigen Skizzen und Modelle kann man sich ziemlich sicher sein, dass sein Wunsch in Erfüllung geht.

(Niederrhein Verlag GmbH)
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