Erinnerungen an Goldene Diele und Tante Olga

Sixties-Helden beim Ruhrorter Hafenfest : Gipfeltreffen der Rock-Oldies

Beim 26. Ruhrorter Hafenfest gibt’s das Fernduell der lokalen Rock-n-Roll-Prominenz: am Samstag die Atomics, am Sonntag die Sonny Boys. Die Sixties-Helden sind zum Teil schon in ihren Siebzigern – aber immer noch jünger als die Rolling Stones ...

Der Termin ist schon gesetzt: Seit Jahren machen die Sonny Boys beim Ruhrorter Hafenfest am Sonntagabend den Deckel aufs Bühnenprogramm. Frontmann Heinz Martin ist in Ruhrort aufgewachsen – als tatsächlicher Neffe der legendären Tante Olga, die auf der Fabrikstraße ihren verruchten Laden führte, in dem leicht bekleidete „Serviererinnen“ den Männern das Geld aus der Tasche zogen, Udo Lindenberg zum Rock’n’Roller wurde, nachdem er dort Benny Quick („Motorbiene“) gesehen und gesprochen hatte, und „Indonesier-Bands“ wie die Tielman Brothers zeigten, was ein Auftritt ist.

Weniger verrucht und schon vom Namen her gediegen: die „Goldene Diele“ auf der Harmoniestraße. Der Laden allerdings machte Ruhrort in den Sechziger Jahren zur ersten Adresse für Livemusik weit und breit – hier testete der Star-Club aus Hamburg-St. Pauli neue Bands. Cliff Richard & The Shadows, Drafi Deutscher, Casey Jones & the Governors, The Spotnicks und andere vergoldeten hier den Tanzboden. Weshalb die Atomics immer noch stolz darauf sind, dass sie als „erste Duisburger ’Boy-Group’“ und außerdem Amateurband 1965 ebenfalls in der Goldenen Diele spielen durften. Während die Sonny Boys für drei Mark die Stunde in Meiderich im „Eiscafé Roma“ rockten ...

... und die Atomics ca. 1965 ... Foto: privat

Nach und nach müssen die Jungs alle zum Bund. Die Atomics schließen sich danach wieder zusammen, während sich Heinz’ Bandkollegen vor der Einberufung nach Berlin absetzen. Heinz macht in anderen Formationen weiter; pfeift sich Kräuter rein, sondert Krautrock ab und macht ein bisschen Neue Deutsche Welle. Ende der Achtziger verschlägt es ihn auf die Kanaren, wo er in verschiedenen Hotels internationalen Cover spielt. In der Band trifft er auf Nick Eckhardt an den Keyboards, von 1966 bis zu ihrer Auflösung 1972 in gleicher Funktion bei den Atomics.

... die Sonny Boys ca. 1965 ... Foto: privat

Und seit Anfang des Jahrtausends wieder. Oktober 2000 kommt es zu einem improvisierten Auftritt der Alt-Atomaren bei „Marianne’s“ und der Erkenntnis, was Kinks, Stones, The Who können, können wir auch: weitermachen. Und das tun Klaus Puchmüller, Nicky Eckhardt, Bernd Stiefelhagen und Uli Bergmann als Atomics Revival Band bis heute, also bald auch schon wieder 20 Jahre und damit länger als in den goldenen Diele-Jahren.

und die Sonny Boys heute. Foto: Heiko Woelk

Auch Heinz Martin lässt die Sonny Boys wiederaufleben, erstmals für seine Kellerkonzerte „Olga 3000“ im Kaiserhafen zum Kulturhauptstadtjahr 2010. Von den alten Haniel-Spielplatz-Bandkollegen lebt nur noch einer – allerdings in Mannheim, weshalb er sich neue dazuholt, immer wieder, bis heute: Um einen Tag nach seinen alten Rivalen bestehen zu können, hat Heinz erst neulich die Band nochmal umgebaut und verstärkt ...

„Unsere Freunde von den Sonny Boys sind lokal durch Ruhrorter Sonne verstrahlt“, scherzt Klaus Puchmüller und verspricht seinerseits eine atomare Kernschmelze auf dem Ruhrorter Hafenfest. „We let the good times roll!“ Atomics und Sonny Boys treten zwar getrennt auf, aber, so Klaus Puchmüller: „Wir strahlen gemeinsam.“

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