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Durch Segel-Tore hinaus ins Offene

Durch Segel-Tore hinaus ins Offene

"Diese Kirche gehört ganz Duisburg", sagt Pfarrer Bernhard Lücking. Jetzt öffnet sich die Josephskirche am Dellplatz mit mehreren Veranstaltungen und einer spektakulären Textilinstallation: "Die sieben Pforten".

"Mit dem 'Platzhirsch' hat eigentlich alles begonnen", erzählt Pfarrer Lücking. Das "Festival der Artenvielfalt" auf dem und um den Dellplatz hatte die Kirche 2014 miteinbezogen, nachdem sie nach aufwendiger Renovierung wiedereröffnet worden war. Mittlerweile haben viele Künstler die Josephskirche entdeckt — und die Kirche hat sich damit auch nicht-christlichen Besuchern geöffnet. Jeden Freitag gibt es hier die "Abendmusik" mit Programmen von Klassik über Jazz bis Avantgarde. In dieser Reihe spielten Markus Emanuel Zaja und Ralf Kaupenjohann ein Konzert mit Klarinette und Akkordeon — die Quelle für ihr aktuelles Projekt "Die sieben Pforten". Zaya holte Jens J. Meyer hinzu, den er seit 25 Jahren kennt und der auch in Duisburg schon seine textile Kunst gezeigt hat: Bei den Akzenten 2016 projizierte Meyer im Ruhrorter Gemeindehaus eine Atlantiküberfahrt auf in den ganzen Raum gespannte Segel.

Für "Die sieben Pforten" hängt Meyer sechs Spitzbögen aus Stoff in die Josephskirche, angelehnt an den erhalten gebliebenen Spitzbogen des alten neugotischen Hauptschiffs. "Mit textiler Kunst erreicht man äußerste Wirkung ohne dauerhafte Eingriffe", sagt Meyer. "Der Raum ist ein Zeitdokument des 20. Jahrhunderts", sagt Markus Emanuel Zaja. Tatsächlich hat man sich nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nicht für einen Eins-zu-Eins-Wiederaufbau entschieden; nur ein neugotisches Seitenschiff blieb erhalten, das Hauptschiff bekam eine flache Decke und hinterm Hauptaltar die durchfensterte Rückwand. "Die Fenster bieten eine Durchsicht auf die Welt hin", sagt Pfarrer Bernhard Lücking, "und sind damit auch eine Aufforderung, dass wir uns öffnen, egal welcher Religion wir angehören." In der Fastenzeit hängt ein Hungertuch an der Stirnwand, darauf ein Zitat des Rabbiners Abbahu: "Das Zelt unseres Vaters Abraham hat offene Zugänge von allen Seiten." Und aus den vielen Werktags- und Sonntagsgottesdiensten weiß Lücking, dass ein großer Teil der Kirchenbesucher Zuwanderer sind. Und: "Die Kunst macht etwas mit der Gemeinde."

Beim neuen Kunstprojekt in Sankt Joseph geht es um Gerechtigkeit heute, inspiriert von einem Bibelvers. Von Palmsonntag bis Pfingsten werden die textilen Bögen gespannt sein. In diesen Zeitraum fällt nicht nur das christliche Osterfest, sondern in diesem Jahr auch das jüdische Pessach-Fest. "Uns allen geht es doch um die gleichen Fragen", sagt Zaja: "Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Und wie wollen wir das haben?" Doch lassen sich diese Fragen nicht erschöpfend beantworten, kann nicht allen Bezügen nachgegangen werden und soll auch nicht nur intellektuell verhandelt werden, sagt Bernhard Lücking: "Dafür haben wir Musik und die Anschaulichkeit der Kunst. Da erfahren wir etwas mit allen Sinnen."

So gibt es zur Eröffnung von "Die sieben Pforten" am Sonntag, 9. April, ein Oratorium, musiziert vom Ensemble "shtetl", das zum Teil improvisieren und "unmittelbar auf den Raum eingehen wird", so Zaja. Dazu diskutieren Pfarrer Lücking und der Heidelberger Professor für jüdische Studien Daniel Krochmalnik über den Psalm 118, Vers 19: "Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit", der das Leitmotiv für das Kunstprojekt gibt.

An den folgenden Mittwochabenden zwischen Ostern und Pfingsten wird es immer um 18 Uhr sechs weitere "Alltagsimpulse" geben. Helmut C. Jacobs befasst sich in einem Vortrag mit Musik mit dem spanischen Maler Goya und seiner Auseinandersetzung mit Folter und Todesstrafe (19. April). Adrijana Kocijan stellt mit "Die Fremden" eine grandios aktuelle Ansprache vor, die William Shakespeare dem Humanisten Sir Thomas Morus in den Mund legte (26. April). Die weiteren Impulse befassen sich mit der Geschichte der Ostjuden in Duisburg (3. Mai), mit dem Gottfried-Könzgen-Denkmal (10. Mai), Kunst und Kirche (17. Mai) und Migration, Integration und Gewalt (24. Mai).

Und dann würde sich Bernhard Lücking freuen, wenn die textile Installation noch etwas länger hängen bleiben könnte: "Nach Pfingsten kommt Sibylle Lewitscharoff mit ihrem Roman 'Das Pfingstwunder' in die Josephskirche. Da wäre auch Musik denkbar ..." — "Wird gemacht", sagt Markus Emanuel Zaja: "So arbeiten wir gerne."

(Niederrhein Verlag GmbH)