Stimmen aus dem Willy-Brandt-Berufskolleg Rheinhausen: Bildung und Ausbildung

Stimmen aus dem Willy-Brandt-Berufskolleg Rheinhausen : Bildung und Ausbildung

Rund 1400 Schülerinnen und Schüler besuchen das Willy-Brandt-Berufskolleg (WBBK) an der Krefelder Straße in Rheinhausen.

Neben zahlreichen Teilzeitbildungsgängen (klassische Berufsschule im dualen Ausbildungssystem) in Wirtschaft, Verwaltung und Metalltechnik werden ebenso verschiedene Vollzeitbildungsgänge (allgemeinbildende Abschlüsse vom Hauptschulabschluss bis zur Fachhochschulreife) angeboten. Im engen Austausch mit Ausbildungsbetrieben sowie mit Industrie- Handels- und Handwerkskammern und nicht zuletzt dem Jobcenter, ist das Berufskolleg hinsichtlich der Bildungs- und Ausbildungssituation hierzulande bestens informiert.

Wir haben uns mit Dr. Helmut Richter (Schulleiter), Anke Roeßing (Bereichsleiterin Beratung) und Tülay Polat (Bildungsgangleiterin der Fachoberschule für Wirtschaft und Verwaltung) über ihre Erfahrungen in Bezug auf die Bildungs- und Ausbildungssituation ausgetauscht.

Wichtig sei zu aller erst, dass sich die jungen Menschen klar darüber werden, welchen Schulabschluss sie erwerben und welches Berufsziel sie damit verfolgen möchten. "Es geht hier um die realistische Einschätzung ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten unter Berücksichtigung ihrer Interessen. Auch die Erziehungsberechtigten müssen in diesen Prozess einbezogen sein", macht Anke Roeßing klar. Viele Menschen nähmen ein verzerrtes Medienbild als Realität an, sähen sich Zwängen aus dem sozialen Umfeld ausgesetzt oder fangen planlos etwas an. Das führe in den meisten Fällen in die Sackgasse. "Wichtig ist, dass sich die jungen Menschen frühzeitig informieren, kompetent beraten lassen und sich potentiell in Frage kommenden Berufen bereits vorab aus der Praxis nähern, um den für sie passenden Weg einzuschlagen", so Roeßing.

Auf einen weiteren zentralen Punkt verweist WBBK-Schulleiter Dr. Helmut Richter: "Wir machen häufig die Erfahrung, dass sich junge Menschen nicht mehr die Finger schmutzig machen wollen und eine Ausbildung im Bereich Industrie und Handwerk ablehnen. Aber gerade hier ist die Nachfrage nach qualifizierten Bewerbern riesig und die Berufsaussichten auf lange Sicht rosig." Vielen Ausbildungsberufen hafte noch ein "schlechtes Image" vergangener Tage an, obschon sich viele Berufsbilder enorm gewandelt hätten und heute hohe Anforderungen an die Bewerber stellten.

Vor der "Bachelorisierung" des Ausbildungsmarktes wird in diesem Zusammenhang eindrücklich gewarnt. Nicht jeder muss Abitur machen und studieren, um Mensch und beruflich erfolgreich zu sein. Denn gerade hier gäbe es mittlerweile eine enorme Schwemme an Absolventen am Arbeitsmarkt. Zudem fehle diesen Absolventen oftmals praktische Erfahrung, die im stark verschulten Studium weitgehend außen vor bleibt. "Das macht den Einstieg in die Berufswelt nicht einfacher und lässt nicht Wenige desillusioniert, frustriert und mit der Praxis überfordert scheitern", so Richter.

Zudem ist der Markt der Studiengänge derart differenziert und unübersichtlich, da ist es schwer überhaupt das passende Studium für sich zu finden, was letztlich auch konkret für einen Beruf qualifiziert. "Die nackten Zahlen für Deutschland sprechen für sich: Rund 450 verschiedenen Ausbildungsberufen stehen rund 4500 Studiengänge gegenüber. Mittlerweile haben wir Jahrgänge mit Hochschulberechtigten von über 50 %. Über die heutige Qualität der Hochschulreife kann man sich streiten, aber Fakt ist, die meisten nehmen ein Studium auf und es bleiben immer weniger qualifizierte Schüler für anspruchsvolle Ausbildungsberufe übrig, so dass den Betrieben später der Nachwuchs fehlt", gibt der sympathische Schulleiter zu bedenken.

Gerade die praktische Seite der Ausbildung muss viel stärker ins Zentrum gerückt werden, damit der Übergang von der Schule in den Beruf erfolgreich gelingt. Und das, sowohl in hochqualifizierten als auch in niedriger qualifizierten Bereichen. Dies gelingt über verpflichtende, qualifizierende Praktika im Rahmen von (hoch-) schulischen Bildungsgängen oder auch über Ausbildungsvorbereitungslehrgängen bei Bewerben ohne qualifizierten Schulabschluss.

"Viele Schüler wollen heute nach der 10. Klasse gerne in die weiterführende Schule gehen, ohne dabei aber den Praxisbezug zum Arbeitsmarkt außer Acht zu lassen. Gerade die Fachoberschul-Bildungsgänge, mit ihren einjährigen, schulisch begleiteten Praktika werden zunehmend wieder nachgefragt. Denn den Absolventen gelingt der Übergang in den Beruf deutlich besser. Ähnlich verhält es sich mit dem Dualen-Studium, das immer beliebter wird", berichtet Tülay Polat, die herzlich am 25. August zum Beratungs- und Anmeldetag für das kommende Schuljahr am WBBK einlädt.

Ein immer größer werdendes Problem besteht bei Menschen mit niedrigem Bildungsgrad und beschränkten Fähigkeiten, die es natürlich schon immer gegeben hat. Der Unterschied zu vergangenen Zeit besteht allerdings darin, dass es heute kaum noch die einfachen Tätigkeiten auf dem Arbeitsmarkt gibt und wenn, dann sind diese so schlecht bezahlt, dass niemand heutzutage davon leben kann, ohne unterstützende Leistungen des Sozialstaates. "Insbesondere auch hier muss ein politisches Umdenken stattfinden und eine würdige Perspektive gefunden werden", sind sich die drei Vertreter des WBBK einig.

Klar sollte jedem jungen Menschen auch sein, dass es künftig kaum noch Erwerbsbiographien geben wird, wo man den einstigen Ausbildungsberuf bis zu Rente ausüben wird. Man muss sich im Lauf des Lebens darauf einstellen, stets bereit zu sein, Neues zu lernen und letztlich auch unterschiedliche Berufswege einzuschlagen.

Für alle, die noch nicht schlüssig sind, welchen Weg sie zunächst einschlagen wollen, steht die Beratung des Willy-Brandt-Berufskolleg bereit (www.wbbk.de). Auch sind in fast allen Bildungsgängen noch kurzfristige Einstiege möglich. Weiterführend bietet auch das Portal des Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (www.keinabschlussohneanschluss.nrw.de) Hilfen zur Orientierung und Profilierung im Übergang von Schule zum Beruf.

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