1. Niederrhein

Szenische Lesung offenbarte komplexen Charakter: Begegnung mit einem Untoten

Szenische Lesung offenbarte komplexen Charakter : Begegnung mit einem Untoten

"Curzio Malaparte — Begegnung mit einem Untoten" nannte sich die szenische Lesung mit Rupert Seidl als Schriftsteller, Redakteur, Baumeister und Regisseur Curzio Malaparte und Silke Vogten als Erzählerin im Ruhrorter Lokal Harmonie am Sonntagabend.

In den Text-Collagen, die von der ehemaligen stadt-panorama-Redakteurin Silke Vogten und Jochen Zimmer ausgewählt wurden, versuchte man sich der schillernden, bisweilen schrägen aber teilweise auch sehr einfühlsamen Persönlichkeit des deutschstämmigen Italieners Kurt Erich Suckert, der sich ab 1925 Curzio Malaparte nannte, anzunähern. "Er sei ein Anderer, ein anderer Italiener, er sei deutsch, ein Biest also", reklamiert Rupert Seidl als Curzio Malaparte zu Anfang des Abends und anders ist dieser Mensch bestimmt. Im Grunde hin und her gerissen von den Strömungen des zwanzigsten Jahrhunderts, denen er sich oft wie ein Fähnlein im Winde hin gibt. Dabei offenbart er zudem einen Hang an abschätziger Selbstüberschätzung, was allein an der Ableitung seines Pseudonyms "Malaparte" — also das "miese Stück" oder der "schlechte Teil" — sichtbar wird, denn das Gegenstück dazu ist Bonaparte - also das "gute Stück".

Fakt ist, das er sich noch vor dem italienischen Kriegseintritt im Jahr 1915 bereits 1914 als Freiwilliger für den Krieg in Frankreich meldete. Fakt ist auch, das er bereits 1921 Mitglied des Partito Nazionale Fascista wurde und beim Marsch der Faschisten auf Rom 1922 als Teilnehmer dabei war. Trotzdem durchblickte er wohl die Herrschaftsstrukturen und machte sich in seinem literarischen Werk stellenweise darüber lustig, was nach der Veröffentlichung von "Der Aufstand der verdammten Heiligen" dazu führte, dass er aus dem diplomatischen Dienst abberufen wurde. Bereits 1933 wurde er aufgrund kritischer Äußerungen verhaftet, aus der Partei ausgeschlossen und anschließend zu fünf Jahren Verbannung auf der Insel Lipari verurteilt. Einflussreiche Freunde schafften es, dass nach rund einem Jahr die Verbannung aufgehoben wurde. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Kriegsberichterstatter und fertigte hier zum Teil bemerkenswerte Texte über das Elend. Trotz seines faschistischen Vorlebens schaffte er es, ab 1943 Verbindungsoffizier der Amerikaner in Italien zu werden. In diesem Zeitraum fand dann auch die Wende zum Kommunismus statt.

In dieser Zeit schrieb er auch seine bekanntesten Werke "Kaputt" und "Die Haut". Beide Bücher stellen die Grausamkeit und die Gewalt des Krieges dar. Während Malaparte-Anhänger von realistisch sprechen, benutzen Malaparte-Gegner eher die Vokabel reißerisch.

Sich einer derartig vielschichtigen Person zu nähern war naturgemäß kein leichtes Unterfangen. Während Rupert Seidl als Curzio Malaparte nur die überlieferten Texte des Mitte 1957 an Lungenkrebs gestorbenen Schriftstellers hatte, kam Silke Vogten der Teil des "Korrektivs" an dem Abend zu. Sie führte in die Zeitumstände ein, rückte Texte ins passende Licht und kommentierte darüber hinaus mancherlei Fragwürdigkeiten, die dieser Italiener mit deutschen Wurzeln von sich gegeben hat. Das bloße Zuhören, wenn auch von Foto und Filmeinspielungen aufgelockert, war dabei nicht immer einfach, denn Curzio Malapartes Texte sind mal komplex, mal lächerlich, mal kitschig und mal grotesk. Dass das Ganze trotzdem zu einem gelungenen Abend im Lokal Harmonie wurde, lag sicherlich an den Protagonisten dieser Veranstaltung.

(vowie)