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Notdienst nur in Moers: Sorge um Notfallversorgung

Notdienst nur in Moers : Sorge um Notfallversorgung

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) plant, zum 1. April den ärztlichen Notdienst für Kamp-Lintfort, Rheinberg, Alpen und Rheurdt in die Notfallpraxis am Bethanien-Krankenhaus in Moers zu verlagern. Die Städte und das St. Bernhard-Hospital schlagen Alarm, von Seiten des Bethaniens befürwortet man diesen Schritt.

Die jetzige Situation: Bisher wird der Notdienst für Kamp-Lintfort und die umliegenden Städte von den Praxen vor Ort sichergestellt. Wie viele Patienten pro Jahr versorgt werden, konnten die Vertreter der Kommunen am Donnerstag beim Pressegespräch nicht sagen. Diese Zahlen würden ihnen nicht mitgeteilt werden.

In der KV-Notfallpraxis am Bethanien-Krankenhaus würden sich rund 1000 bis 1200 Patienten im Monat vorstellen, sagt Bethanien-Mediziner Dr. Thomas Voshaar, der die Notfallpraxis vor 15 Jahren mit auf den Weg gebracht hat und auch heute noch als Ansprechpartner fungiert, obwohl die Praxis nicht zum Bethanien gehört, sondern dort nur Mieter ist.

So wäre es nach derzeitigem Stand ab dem 1. April: In der Moerser KV-Praxis rechnet man pro Monat mit 400 bis 500 Patienten zusätzlich. Warum sich die Zahl nicht verdoppelt? „Es kommen bereits jetzt schon viele Leute aus Kamp-Lintfort und den umliegenden Städten nach Moers“, sagt Voshaar. Die Vertreter der vier Städte legen allerdings die Einwohnerzahlen zugrunde und mit diesen wären statt 100.000 nun rund 220.000 Personen an nur einem Standort zu versorgen. Josef Lübbers, Geschäftsführer des St. Bernhard-Hospitals, gibt außerdem zu bedenken, dass von den 900 Notfällen, die im Monat in die stationäre Notaufnahme seines Krankenhauses kämen, die meisten notdienstlich versorgt werden müssten. Um Strafzahlungen zu umgehen, müssten diese Patienten bald abgewiesen und nach Moers verwiesen werden. „Das kann nicht sein. Auch wenn’s in 99 von 100 Fällen gut geht, aber was ist mit dem einen, der mit Bauchschmerzen kommt und einen Herzhinterwandinfarkt hat. Wir werden in eine Situation gezwängt, die nicht in Ordnung ist.“

Von der KV gibt’s folgende Aussage: „Sollte sich die Zahl der Patienten am Krankenhaus Bethanien in Moers künftig signifikant erhöhen, gibt es die Option, die ärztlichen Kapazitäten an diesem Standort an die höhere Inanspruchnahme anzupassen.“

Was bedeutet das für Sie? Ab dem 1. April müssten Sie außerhalb der Öffnungszeiten Ihres Hausarztes die Praxis in Moers aufsuchen. Die Bürgermeister kritisieren die längeren und erschwerten Anfahrtswege sowie die höheren Wartezeiten. „Wir haben Zweifel, dass am 1. April die Voraussetzungen in Moers gegeben sind. Bisher hörte man nur, dass der Wartebereich vergrößert wurde“, teilt Kamp-Lintforts Bürgermeister Christoph Landscheidt mit. Bezweifelt wird auch, wie der Fahrdienst, der zu Leuten kommt, die nicht (mehr) mobil sind, den Bereich von Moers bis nach Alpen ohne extremen Zeitverlust abdecken soll.

Zudem wird befürchtet, dass die Notfallaufnahme des St. Bernhards noch stärker frequentiert wird. „Wer keinen Hausarzt antrifft, sucht das Krankenhaus auf“, hätte die Erfahrung gezeigt. Auch der Rettungsdienst würde schneller kontaktiert werden. „In Alpen würde man wohl eher die 112 anrufen, als nach Moers zu fahren“, gibt Thomas Ahls, Bürgermeister aus Alpen, zu bedenken.

Dr. Thomas Voshaar warnt in diesem Kontext davor, den Begriff „Notfall“ falsch zu verstehen: „Der Notdienst ist für die Dinge zuständig, die sonst der Hausarzt behandelt. Im Notfall kommt selbstverständlich immer noch der Rettungswagen.“

Die Ka-Li-Lösung: Derzeit wird über ein Gesetz entschieden, demnach es zukünftig an bestimmten Krankenhäusern zentrale, jederzeit zugängliche Einrichtungen für Notfallpatienten, sogenannte Integrierte Notfallzentren (INZ), geben solle. Alle Bürgermeister sind sich einig: Um die medizinische Versorgung der Bürgerinnen und Bürger ohne Qualitätsverlust aufrecht zu erhalten, ist das St. Bernhard ein zwingender Standort. Dies umzusetzen wäre für das Hospital kein Problem: Bereits seit 2015 hätte man die Voraussetzungen jederzeit „analog zu Moers“ eine Portalpraxis am Hospital einrichten zu können. Schon damals wäre dies der Wunsch aller niedergelassenen Ärzte gewesen, so Lübbers. Die KV hätte daraufhin nur „Das ist so nicht gewollt“ geantwortet. Voshaar sagt, dass die Ärzte nun befürwortet hätten, das Einzugsgebiet zu vergrößern und die Notfallversorgung an einem Standort zu zentralisieren.

Und nun? Irritiert zeigen sich alle Bürgermeister darüber, dass die KV mit ihrem Plan dem INZ-Gesetz vorgreift. Zudem wird kritisiert, dass der Gesetzgeber zulässt, dass eine Berufsvereinigung dies ohne Not und ohne Gesetzesentwurf darf. „Es kann nicht sein, dass der KV bestimmt, wie Ärzte eingesetzt werden“, ärgert sich Landscheidt. Die Kommunen hätten allerdings keinerlei Handhabe, dagegen vorzugehen. Es gelte nun die Bürgerinnen und Bürger zum Protest zu mobilisieren.

Stellungnahme KV: Die KV Nordrhein arbeite derzeit an vielen Stellen im Rheinland an der Weiterentwicklung der Notdienst-Strukturen, um das ambulante Versorgungsangebot außerhalb der Praxisöffnungszeiten an aktuelle politische Vorgaben – Stichwort „Portalpraxen“ – anzupassen, das Angebot qualitativ aufzuwerten und zugleich eine engere Kooperation zwischen dem ambulanten und stationären Bereich zu ermöglichen. Notdienstpraxen müssten über eine Anbindung an ein Klinikum verfügen, weshalb die Anlaufstelle im DRK-Zentrum in Rheinberg ab dem 1. April nicht mehr weiter betrieben werde. Die Zahl der Anlaufstellen für den Notdienst im Kreis Wesel solle sich in Summe jedoch nicht verringern – sie werde nur in der Fläche neu strukturiert und organisiert.

Künftig soll es nordrheinweit zudem eine konsequente Trennung von Sitz- und Fahrdienst geben, so dass immer ein Arzt die Patienten in der Praxis versorgen könne, während andere Mediziner Hausbesuche im Notdienst absolvieren, die weiterhin über die Hotline 11 6 11 7 angefordert werden könnten.

„Wir sind davon überzeugt, dass sich die Bürgerinnen und Bürger von der neuen Organisationsstruktur überzeugen lassen werden. Sollte sich die Zahl der Patienten am Krankenhaus Bethanien in Moers künftig signifikant erhöhen, gibt es die Option, die ärztlichen Kapazitäten an diesem Standort an die höhere Inanspruchnahme anzupassen. Grundsätzlich können Patienten alle Angebote des ambulanten Notdienstes nutzen – niemand ist an eine bestimmte Notdienstpraxis oder an den Kreis gebunden. So kann es für Patienten naheliegender sein, unter Umständen ein Angebot in einem benachbarten Kreis zu nutzen“, heißt es von der Pressestelle der KV.