1. Gesundheit

: MDK-Gesetz sorgt für Ärger in Kliniken

: MDK-Gesetz sorgt für Ärger in Kliniken

Der Konflikt zwischen den Krankenhäusern und dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) hat eine neue Stufe erreicht. Die Geschäftsführer und Ärzte der Häuser im Kreis Wesel und Kleve wollen sich Teile des Ende 2019 auf Bundesebene verabschiedeten MDK-Gesetzes nicht bieten lassen. Kern der Streitigkeiten ist ein Strafen-Passus.

. Vorab sei gesagt: Das Thema ist sehr komplex und für Menschen, die nicht täglich mit medizinischer Versorgung zu tun haben, nur schwer zu fassen. Von daher behelfen wir uns eines Beispiels, das uns Wolfgang Zinser, Ärztlicher Direktor am Dinslakener St. Vinzenz-Hospital, aus seinem Klinikalltag geliefert hat. Da gibt es um einen Patienten, der seit Wochen mit Rückenschmerzen zu kämpfen hat. Die Schmerzen des Patienten steigern sich von Tag zu Tag. Um einen zeitnahen Termin bei einem orthopädischen Facharzt kämpft der Patient vergebens. Der angebotene Termin in drei Monaten bringt ihn nicht weiter. Als er vor Schmerzen nicht mehr weiter weiß, ruft der Patient einen Krankenwagen, der ihn zum St. Vinzenz-Krankenhaus bringt. Das Team von Dr. Zinser nimmt ihn auf, legt eine schmerzstillende Infusion und sorgt in den Folgetagen mit Anwendungen und Medikamenten dafür, dass der Patient schmerzbefreit ist. Nun kann es zu folgendem Szenario kommen: Der MDK prüft im Anschluss an die Behandlung die Krankenhausabrechnung und kommt zu dem Schluss, dass der Patient nicht ins Krankenhaus, sondern zur einer Behandlung beim Facharzt gehört hätte. Und/Oder, dass es gegebenenfalls formale Dokumentationsfehler gab. Also übernimmt im Anschluss die Krankenkasse nur einen Teil der Behandlungskosten, auf dem Rest bleibt das Krankenhaus sitzen. Im Zuge der Gesetzesreform drohen dann in Zukunft zusätzlich auch noch Strafzahlungen, falls der MDK der Meinung ist, der Patient sei nicht rechtzeitig entlassen worden. Ein Unding, wie nicht nur Wolfgang Zinser findet. „Wir gehen also ein wirtschaftliches Risiko ein, wenn wir kranken Menschen helfen wollen und sollen dann jetzt auch noch mit Strafen stigmatisiert werden? Ich als Arzt kann doch keinen Menschen wegschicken, der Hilfe von uns benötigt, die er aus verschiedenen Gründen an anderer Stelle nicht erhält. Und dass man dann im Nachgang eventuell auch noch dafür be-straft wird, halte ich als Mediziner kaum aus.“

Ein weiteres Beispiel: Eine Frau wird mit gebrochenem Becken im Krankenhaus behandelt. Die Fraktur wird operiert, Medikamente verabreicht, die Frau, so weit es dem Krankenhaus möglich ist, therapiert. Das Gesetz sieht es vor, dass diese Patientin nicht länger als nötig im Krankenhaus behandelt und zügig in die Kurzzeitpflege bzw. in die Rehabilitations-Pflege entlassen werde. Verstöße ahndete der MDK in der Vergangenheit mit Rechnungskürzungen. Was aber tun, wenn keiner der heiß begehrten Reha-Plätze oder der nicht minder umworbenen Kurzzeitpflegeplätze zur Verfügung steht? Ralf Nennhaus, als Geschäftsführer für das St. Josef-Krankenhaus in Moers zuständig, fragt: „Was machen wir dann? Entlassen wir die Patientin dann ins Ungewisse, obwohl sie vielleicht noch gehunfähig ist und im zweiten Stock ohne Aufzug wohnt? Nein, das machen wir gerade als konfessionell geführte Häuser natürlich nicht.“

Mit der Folge, dass die Häuser auf einem Teil der Kosten sitzen bleiben, weil der MDK Abrechnungen moniert, wo Patienten aufgrund fehlender Anschlussversorgung länger im Krankenhaus bleiben mussten. „Früher hat der MDK beanstandet, dass wir Patienten zu kurz behandeln, jetzt werden wir bestraft, wenn wir Patienten zu lange behandeln, so als wollen wir mit längeren Behandlungszeiten betrügen. Das ist doch verrückt, ich komme da nicht mehr hinterher“, ärgert sich auch Christoph Heller, Geschäftsführer am St. Vinzenz-Hospital.

Zu den ungedeckten Kosten kommen in solchen Fällen jetzt in Zukunft auch noch die Strafzahlungen. Die betragen mindestens 300 Euro. bzw. maximal 10 Prozent des Rechnungsbetrages. Und die bringen für Ralf Engels, Stiftungsdirektor und Klinikdirektor am Moerser Bethanien Krankenhaus, das Fass zum Überlaufen. „Was mich besonders stört, ist die Terminologie. Wir fühlen uns durch die Strafen angeklagt. Als würden wir in den Häusern systematisch Abrechnungsbetrug begehen. Gegen eine vernünftige Rechnungsprüfung hat keiner etwas. Aber es wird von MDK-Seiten so getan, als würden wir Menschen aufnehmen, die nicht aufgenommen werden müssten, und diese dann auch noch zu lange behandeln.“

Ärger herrscht auch in Kamp-Lintfort. Da ist Konrad Middendorf als Geschäftsführer für das St. Bernhard-Hospital zuständig. Und auch er wehrt sich, „dass wir an den Pranger gestellt werden und unterstellt wird, wir würden falsch abrechnen.“ Auch er habe nichts gegen grundsätzliche Überprüfungen der Abrechnungen, „aber in zwei Drittel der Fälle streiten wir mit dem MDK über die Verweildauer der Patienten.“ Die angekündigten Strafen seien nun das I-Tüpfelchen, „aber wir können nicht alles schlucken.“

Zum Ärger kommt auch noch eine nicht unerhebliche betriebswirtschaftliche Komponente. Denn, so rechnet Ralf Engels fürs Bethanien vor: In 1900 Fällen seien seinem Haus in 2019 Fehlbelegungen vom MDK angekreidet worden. „Wenn wir diese Fälle also mit mindestens 300 Euro Strafe versehen bekommen, liegen wir schon bei mindestens 570.000 Euro nur an Strafen - und da sind die nicht komplett bezahlten Rechnungen noch nicht dabei ...“