Anthony Bauer - ein beeindruckendes Portrait: „Ich kann ihnen helfen, nicht aufzugeben“

Anthony Bauer - ein beeindruckendes Portrait: „Ich kann ihnen helfen, nicht aufzugeben“

Anthony Bauer ist erst acht Jahre alt, als sein Leben das erste Mal am seidenen Faden hängt: Nach einer Darmverschlingung müssen die Ärzte am HELIOS Klinikum Duisburg in einer Notoperation einen großen Teil seines Verdauungstraktes entfernen.

Seitdem ist der heute 20-Jährige auf eine künstliche, sogenannte parentale Ernährung angewiesen, denn sein Körper kann die Nährstoffe nicht mehr selbstständig aus dem Essen filtern. Das bedeutet im Alltag vor allem genaue Planung und eine Menge Disziplin — keine einfache Aufgabe für einen Heranwachsenden. Aber dabei bleibt es nicht, denn es ist erst der Auftakt zu einer wahrscheinlich einzigartigen Krankengeschichte.

Zwischenzeitlich hätte er sich gewünscht, wie seine Freunde auch, einfach nur unbeschwert Fußball spielen zu dürfen. Foto: Helios

Diese Geschichte beginnt 2004 mit einem stechenden Schmerz im Bauch. Anthony Bauer erinnert sich noch vage daran, dass es sich anfühlte, "als wolle etwas aus meinem Körper heraus". Der in Duisburg geborene Sohn einer Brasilianerin und eines Deutschen war acht Jahre alt, als er in die Notaufnahme der St. Johannes Klinik in Alt-Hamborn eingeliefert wurde. Die finale Diagnose: ein sogenannter Volvulus, eine seltene Verschlingung des Darms, die tödlich enden kann. Denn durch die Drehung werden oftmals Teile des Darms von der Blutversorgung abgeschnitten. Sie können dann innerhalb von Stunden absterben und so zu einem vollständigen Verschluss des Verdauungstraktes führen. Für Anthony bestand Lebensgefahr. Bei der Not-OP mussten die Chirurgen ihm große Teile des bereits abgestorbenen Dünndarms entfernen und die übrigen Teile miteinander vernähen. Als der Junge aus der Narkose erwachte, war sein Leben ein anderes. Denn ohne einen Dünndarm, der den im Magen bereits zerkleinerten Nahrungsbrei weiter zerteilt und all die lebenswichtigen Nährstoffe, wie Fette, Eiweiße oder Vitamine herausfiltert, konnte sein Körper nicht funktionieren. Anthony durfte zwar Essen zu sich nehmen, doch es kam fast unverdaut wieder heraus. Er brauchte einen künstlichen Ersatz. "Ein Beutel mit Flüssigkeit wurde zu meinem ständigen Begleiter", fasst er es schmunzelnd zusammen.

Ein gutes Team: Anthony Bauer und Dr. Peter Seiffert, Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin am HELIOS Klinikum Duisburg. Foto: Helios

Wer den gutgelaunten und charmanten jungen Mann heute trifft, ahnt nicht, welche Belastung sich hinter diesem Satz verbirgt. Denn eine künstliche Ernährung bedeutet vor allem akribische Planung und viel Aufwand. "Die Nährstoffmischung wird bis heute jede Woche neu angerührt, da sich auch seine Lebensumstände ständig verändern", erklärt Dr. Peter Seiffert, Chefarzt der Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin am HELIOS Klinikum Duisburg, der Anthony von Beginn an begleitete. Es ist eine Gradwanderung, denn viele Nährstoffe müssen auf den Milligramm genau abgewogen werden, bei körperlicher Belastung oder in Wachstumsphasen brauchte er zudem mehr Energie, auch Medikamente kamen nur über diesen Weg in seinen Körper. "In den ersten Wochen nach der OP musste er bis zu zwanzig Stunden liegen, während die Nährstoffe über einen Katheter in seine Blutbahn liefen. Heute haben wir es soweit geschafft, dass der Beutel nur noch über Nacht angeschlossen wird." Der Zugang für den Katheter ist dauerhaft in Anthonys Oberkörper implantiert, knapp unterhalb der linken Schulter. Er muss steril gehalten, die Pflaster und Verbände ständig gewechselt werden — etwas, an dass sich Anthonys nur langsam gewöhnte: "Es gab Phasen, wo ich wütend wurde, weil alles so kompliziert war. Ich wollte eigentlich nur Fußball spielen und wie andere in meinem Alter einfach mein Leben leben." Um ihm das zu ermöglichen, setzte das Duisburger Ärzteteam den Jungen so schnell wie möglich auf eine Transplantationsliste für einen neuen Dünndarm. 2006 war es soweit, ein passendes Organ war gefunden, dass Anthony in einem spezialisierten Zentrum in Paris eingesetzt wurde. Doch sein Körper stieß das Organ kurz darauf heftig ab, die Ärzte nahmen es wieder heraus. Dann hagelte es weitere Schicksalsschläge: Seine Bauchspeicheldrüse entzündete sich, ebenso seine Leber, durch einen Vitaminmangel verlor er sogar für einige Tage sein Augenlicht.

Der schlimmste aber erwischte ihn 2010, da ist er vierzehn Jahre alt. Anthony erkrankt an Tuberkulose. Die Bakterien hatten sich dabei aber nicht nur in seiner Lunge, sondern auch in der Wirbelsäule, in den Gelenken und im Kopf festgesetzt. Nur mit einer langwierigen medikamentösen Therapie und ständigen ärztlichen Kontrollen schaffte er es über den Berg. "Anthony war schon so oft bei uns, dass ich es gar nicht mehr zählen kann. Und mehr als einmal war es wirklich knapp", erinnert sich auch Dr. Seiffert. Für Anthony ist das Team um den Chefarzt deshalb auch eine Art zweite Familie: "Ich kenne eigentlich alle hier auf der Station, wir spielen sogar manchmal zusammen Fußball. Ohne sie gäbe es mich wahrscheinlich nicht mehr." Die enge Verbundenheit zwischen ihnen spüren auch Außenstehende sofort. Anthony strahlt bis über beide Ohren, als er Dr. Seiffert in der Tür entdeckt, sie lachen viel während ihres Gesprächs und zum Abschied drücken sie sich herzlich. Überhaupt geht von Anthony eine ungezwungene Fröhlichkeit aus, die ansteckend ist. Er ist charmant und liebenswert frech, dazu ein ziemlicher Künstler am Ball. "Wäre mir die Krankheit nicht dazwischengekommen, wäre ich vielleicht sogar Fußballprofi geworden", grinst er. Es ist offensichtlich, dass er mit seinem Schicksal Frieden geschlossen hat und das Beste daraus macht. Im Moment absolviert er dafür ein Praktikum in der Ernährungsberatung an der HELIOS St. Johannes Klinik, im September will er dann Ernährungsmedizin studieren. Ein Thema, mit dem er sich zwangsweise schon gut auskennt. Später will er mit Kindern arbeiten. Mit Kindern, die vielleicht ein ähnliches Schicksal durchleben müssen wie er. "Dann kann ich ihnen helfen, nicht aufzugeben."