Angehörige von Demenzerkrankten wurden „Demenz-Friends“: Demenz-Friends: Glück neu erleben

Angehörige von Demenzerkrankten wurden „Demenz-Friends“ : Demenz-Friends: Glück neu erleben

Auf Angehörigen von demenziell veränderten Menschen lastet häufig ein großer Leidensdruck. Im Projekt „Demenz-Friends Niederrhein“ lernten neun TeilnehmerInnen die Spirale der Belastung zu durchbrechen - und endlich wieder Glücksmomente zu empfinden. Uns erzählten sie, was ihnen dabei geholfen hat.

„Demenz Friends“ - passt das überhaupt? Der Name für das Projekt sei bewusst provokativ gewählt worden, erklärt Albert Sturtz, Fachberater Demenz bei der Grafschafter Diakonie, dem Diakonischen Werk im Kirchenkreis Moers. Seit 2003 führt er Demenzberatungen durch und erlebt immer wieder, dass die Angehörigen von erkrankten Menschen unter permanenten Stress stehen, der sich sowohl psychisch als auch körperlich bemerkbar macht. „Das Stresszentrum wird optimiert für die Stressbewältigung, die Verarbeitung von positiven Erlebnissen bleibt auf der Strecke“, habe die Forschung längst herausgefunden. Dabei sei es so wichtig, den Blick darauf zu lenken, was das Leben mit dem Erkrankten ausmacht, auf sich selbst zu achten und Glücksmomente zu genießen - ohne schlechtes Gewissen. Auf einer Fachtagung in der deutschen Alzheimergesellschaft hatte Sturtz einen Geistesblitz, wie er es selbst beschreibt: Kann das Schreiben eines Tagebuches für positive Momente helfen, die Situation von Angehörigen von Demenzerkrankten zu verbessern? Zurück in Neukirchen-Vluyn stellt er Anneke van der Veen, Fachbereichsleiterin Gesundheit und Soziales, und Seniorenberaterin Ulrike van den Berg seine Idee vor, die gemeinsam weiterentwickelt wird: Im Rahmen eines Gesprächskreises wollen sie Angehörigen auch weitere Methoden aus der neurologischen Hirnforschung vorstellen, die den Blick auf das Positive im Leben lenken.

Im Mai konnte das Projekt dank der finanziellen Unterstützung von der Kultur- und Sozialstiftung Neukirchen-Vluyn der Sparkasse am Niederrhein und der Diakoniestiftung im Kirchenkreis Moers starten. Sieben Frauen und zwei Männer kamen sechs Monate lang alle 14 Tage im Treff55 in Neukirchen-Vluyn zusammen. Die erste Methode, die die Gruppe kennenlernte, war das Glücks-Tagebuch. Hier sollten alle Teilnehmer jeden Tag drei Dinge aufschreiben, die sich positiv auf das Befinden ausgewirkt hatten. Teilnehmerin Britta Voss ist von dieser Idee begeistert. Sie selbst fühlte sich lange Zeit durch die Pflege ihres an Demenz erkrankten Vaters und der im Rollstuhl sitzenden Mutter total überfordert: „Ich hatte das Gefühl, niemandem mehr gerecht werden zu können und habe überhaupt nicht mehr auf mich selbst geachtet. Letztendlich wurde ich selbst krank, konnte aufgrund von verspannter Muskulatur nur noch mit Gehhilfen laufen.“ Durch das tägliche Aufschreiben von positiven Momenten habe sie nun gelernt, diese wieder bewusster wahrzunehmen und mit sich achtsamer umzugehen. „Mit dem Tagebuchschreiben werde ich weiter machen“, so ihr klares Ziel.

Einige der Teilnehmer zählen ihre kleinen Glücksmomente zudem inzwischen mit schwarzen Bohnen. Ulrike van den Berg erklärt, was dahinter steckt: „Die Bohnen werden in die rechte Hosentasche gesteckt. Für jeden schönen Moment wandert eine Bohne dann in die linke Hosentasche. So macht man sich bewusst: ’Ich bin noch da, ich erlebe auch Schönes.’“

Doch was ist mit brenzligen Situationen, in denen man einfach mal aus der Haut fahren möchte? Bevor das passiert, knautscht Britta Voss nun einen Schwamm, auf dem ein lachendes Gesicht gemalt wurde. „Das hilft, um das eigene Stresslevel zu regulieren. Manchmal muss ich auch einfach lachen, wenn der Schwamm mich so angrinst.“

Projektteilnehmerin Elvira Gibbels hatte ihren „Aha-Moment“ als sie auf einer an sich selbst adressierten Karten schreiben soll, was sie an sich selbst gut findet: „Erst dachte ich, mir fällt nichts ein. Hinterher reichte der Platz kaum. Denn was ich darauf geschrieben habe, ist richtig“, lächelt sie und freut sich auf die nette Post, die sie in den nächsten Tagen erhalten wird. Seit ihr Mann vor 1 1/2 Jahren wegen seiner fortgeschrittenen Demenzerkrankung in ein Pflegeheim musste, quält sie das schlechte Gewissen, ihn „abgeschoben zu haben“. Bei den Demenz-Friends fand sie erstmals wieder Halt und neue Freunde: „Es tut gut sich mit Leuten auszutauschen, die in der gleichen Lage sind, die Anteil nehmen und denen man selbst helfen kann, indem man einfach nur zuhört.“ Sie wird daher genauso wie die anderen Teilnehmer weiterhin zu Gesprächskreisen gehen - und rät dies auch allen anderen Angehörigen: „Suchen Sie sich einen Gesprächskreis. Das hilft unglaublich!“