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Hilfe für krankhaft fettleibige Menschen im St. Vinzenz-Hospital
Auf dem Weg zum Adipositas-Zentrum

Hilfe für krankhaft fettleibige Menschen im St. Vinzenz-Hospital: Auf dem Weg zum Adipositas-Zentrum
Dr. Klaus Peitgen zeigt exemplarisch, wie mit einem linearen Klammer‧instrument die Magenschlauch-OP durchgeführt wird. FOTO: Penzel
Dinslaken. Die krankhafte Fettleibigkeit (Adipositas) ist eine Krankheit, der man ohne professionelle Unterstützung kaum Herr werden kann. Am St. Vinzenz-Hospital in Dinslaken hat Dr. med. Klaus Peitgen ein Team an Spezialisten um sich geschart, das die Adipositas-Patienten jahrelang begleitet und sie auf ihrem Weg zur Operation unterstützt. Von Steffen Penzel

Das Klischee ist weit verbreitet. Beim Anblick von stark übergewichtigen Menschen neigen viele von uns zu denken, weniger essen und ein bisschen Sport könnten das "Problem" lösen. So einfach ist es aber nicht, denn das "Problem" liegt tiefer. Erstens ist ein krankhaftes Übergewicht oftmals eine genetisch bedingte, chronische Krankheit. Also eine Krankheit, die man nicht einfach so weghungern oder -joggen kann, und die ohne professionelle Hilfe ein Leben lang bleibt. "Medizinische Studien belegen, dass nur 5 Prozent der Patienten mit einem Body-Mass-Index von über 40 eine Chance haben abzunehmen", erklärt Klaus Peitgen, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Dinslakener Krankenhaus. Dazu komme, so Peitgen, dass viele übergewichtige Menschen einen langen Leidensweg , etliche Diäten und Sportepisoden hinter sich haben. Zur Hoffnungslosigkeit, Frustration und Scham gesellen sich oftmals auch massive gesundheitliche Beschwerden. Denn Adipositas führe in ganz vielen Fällen auch zu Folgeerkrankungen wie beispielsweise Diabetes und Bluthochdruck - von den orthopädischen Problemen, die ein massives Übergewicht mit sich bringt, mal ganz zu schweigen.

Seit gut eineinhalb Jahren ist Peitgen nun Chefarzt am Vinzenz-Hospital. Und seitdem arbeitet er mit Hochdruck am Aufbau eines Adipositas-Zentrums in Dinslaken. Dazu hat er sich ein großes Team an verschiedenen Spezialisten an seine Seite geholt. "Unser Ansatz ist multidisziplinär", berichtet Peitgen. Das heißt, Ernährungsberater, Diabetologen, Psychotherapeuten, Endokrinologen, Dinslakener Fitness-Studios und Ernährungsmediziner stehen den Patienten beiseite - das Vinzenz-Hospital schnürt quasi das Gesamtpaket. Dazu kommt noch eine Adipositas-Sprechstunde, regelmäßige Infoabende und eine Selbsthilfegruppe. Das Zertifikat zum Adipositas-Zentrum bekommen Krankenhäuser ausgestellt, die an zwei Jahren in Folge mindestens 50 Patienten adipositas-chirurgisch behandeln. Bis dahin ist es für Peitgen und sein Team noch ein Weg. Denn wer glaubt, dass sich ein Adipositas-Patient kurz nach seiner Vorstellung schon bei Klaus Peitgen auf den OP-Tisch legen kann, der irrt gewaltig.
In Deutschland ist die Lage für fettleibige Patienten kompliziert. Bevor der medizinische Dienst der Krankenkassen eine Operation genehmigt, müssen die Patienten über sechs Monate eine lange Liste an Bedingungen wie eben die Betreuung durch Ernährungsberatung und Psychologen, Reha-Sport und der Besuch von Infoveranstaltungen erfüllen. Bei keiner anderen Krankheit müssen in Deutschland so viele Voraussetzungen vor einer möglichen Operation gegeben sein. "Was das angeht, herrschen in Deutschland Bedingungen wie in der Steinzeit", wundert sich Peitgen darüber, dass die Adipositas von den Krankenkassen erst vor einigen Wochen überhaupt als Krankheit anerkannt worden ist. Diese Liste zu erfüllen, bedeutet einen hohen persönlichen und bürokratischen Aufwand. Um den zu bewältigen, steht den Patienten am St. Vinzenz-Hospital mit Susanne Fischer eine Adipositas-Koordinatorin zur Verfügung. Die berät, klärt auf, koordiniert und hilft den Patienten, formelle Dinge zu erledigen.

Wenn dann grünes Licht für die Operation gegeben wird, sind es zwei OP-Arten, die zumeist und am Vinzenz beide minimal-invasiv - also per Knopfloch-OP - durchgeführt werden: eine Magenschlauch- oder eine Magen-Bypass-Operation - in manchen Fällen auch eine Kombination aus beiden. Bei Ersterer wird das sackartige Magenreservoir in eine Art Schlauch verwandelt. Statt 1,5 bis 2 Liter passen dann nur noch 300 bis 400 Milliliter in den Magen. Die Mengen, die gegessen werden können, werden somit drastisch reduziert. Beim Bypass werden Magen und Dünndarm durchtrennt und ein Ende des Darms an den Restmagen angeschlossen. "Die Erfolgsrate bezüglich Gewichtsverlust bei krankhaft fettleibigen Patienten liegt nach einer Operation bei über 85 Prozent", weiß Peitgen. Je nach Ausgangsgewicht sind nach der OP 50 bis 70 Kilogramm Gewichtsverlust im ersten und 30 bis 40 Kg Verlust im zweiten Jahr die Durchschnittswerte. Infos gibt's hier: www.adipositas-shg-dinslaken.de, www.viszeralchirurgie-dinslaken.de.