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Zehnkämpfer Rico Freimuth und Michael Schrader
„Er pusht, ich bremse“

Zehnkämpfer Rico Freimuth und Michael Schrader: „Er pusht, ich bremse“
Rico Freimuth, Silber in London 2017, mit 20-, Michael Schrader, Silber in Moskau 2013, mit Zehn-Kilogramm-Gewichtsscheibe – kleiner Scherz. FOTO: Thomas Warnecke
Duissern. Rico Freimuth, Silbermedaillengewinner bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London, hält sich gerade in Duisburg auf und fit. Zusammen mit seinem Duisburger Zehnkampf-Kollegen Michael Schrader trainiert er beim MSV-Fitnesstrainer Andreas Tappe am Kaiserberg. Während Schrader gegen seine Kniebeschwerden ankämpft, trainiert Freimuth "nur für den Strand." Von Thomas Warnecke

Das mit dem Strand ist natürlich nur ein Scherz, denn je länger man den beiden zuhört, umso mehr verhärtet sich der Eindruck: Trainieren bis an die Schmerzgrenze – und möglichst noch darüber hinaus – ist der Lebenszweck eines Zehnkämpfers. Aber ein bisschen ist auch was dran am Strand, denn Rico Freimuth ist wegen seines zweiten Platzes bei der WM eingeladen zum "Champion des Jahres", einem Event der Deutschen Sporthilfe: Die international erfolgreichsten deutschen Athleten der vergangen zwölf Monate eine Woche in einem Ferienclub, diesmal in Apulien – Ende September vermutlich der bauchfreieste Strand Europas. "Unter den Top 10 weltweit ist kein einziger mit einem Körperfettanteil von über sieben Prozent", weiß Freimuth jedenfalls für seine Disziplin.

Michael Schrader kennt das schon, als Silbermedaillengewinner in Moskau war er 2013 dabei. Dieses Jahr hat er andere Sorgen: "Seit anderthalb Jahren bin ich jeden Tag hier in der Reha." Meniskusriss, dann hatte sich ein Anker gelöst, "von den Schmerzen her kann man das oft gar nicht unterscheiden", sagt Michael, der Schmerzen sowieso hauptsächlich ausblendet. "Das Knie ist eigentlich immer dick zurzeit", sagt er, aber deshalb aufhören? "Nö. Ich bin ja schon oft verletzt gewesen." Was so klingt wie: Ich hab ja schon oft an der Kasse gewartet. "Er hat gutes Heilfleisch", sagt Physiotherapeut Will aan den Boom, der ihn eher bremsen muss: "Er will zu viel zu schnell." Darum ist auch Rico hier: "Zur Unterstützung im Training, weil wir beste Freunde sind. Ich bin immer hier im Urlaub." Im Winter will Michael wieder laufen können, aber planen lässt sich das nicht so richtig, Will: "Wir schauen von Woche zu Woche."

"Wenn die Schmerzen weg sind, dauert es noch ein Jahr, um wieder auf Wettkampfniveau zu kommen", sagt Rico, der auch schon Verletzungen hatte, die mit denen Michaels aber nicht zu vergleichen sind. "Michael war immer schon 'ne Nummer härter als ich." Daraus ergibt sich ihre Aufgabenteilung; Rico: "Er pusht, ich bremse."

Denn gerade umgekehrt, wenn man sich nicht nach einer Verletzung wieder herankämpfen will, sondern beschwerdefrei und mit Strandurlaub in Sicht der Winterpause entgegengehen könnte, ist es gar nicht so einfach, sich täglich zum Training zu zwingen. "Ich hatte früher 'ne andere Einstellung", sagt Rico, der damals im Training dann eben nur 1,65 gesprungen ist – und jetzt 1,90. "Micha hat mir da sehr viel beigebracht. Ich musste lernen, dass man auch im November gut sein muss."

Auch die MSV-Profis halten sich am Kaiserberg fit; beim Fototermin hebt Tim Albutat nebenan Gewichte. Rico und Michael sind beide Fußballfans, Rico mag "Kämpfervereine" wie Bayern, Juventus, Liverpool, freut sich aber auch auf einen Auftritt beim FC Halle, "weil es meine Heimatstadt ist". Michaels Verbundenheit zum Heimatclub hat ein wenig abgenommen, nachdem er das letzte Mal 2007 im Stadion war, beim "Katastrophenkick" gegen Eintracht Frankfurt, noch mit Ailton (Siegtor: Amanatidis). Irgendwelche Vergleiche zu Fußballprofis ziehen wollen die beiden Zehnkämpfer aber nicht, Rico Freimuth wird da fast sauer: "Das ist völlig fehl am Platz. Die haben jede Woche ein Spiel; und eine oder zwei Wochen vorm Wettkampf trainieren wir auch wenig." Klar, "die haben eine ganz andere Schmerzgrenze", weiß Will aan den Boom aus der täglichen Arbeit, aber, sagt Michael Schrader: "Wir wollen ja hart trainieren."

(Niederrhein Verlag GmbH)