| 17.51 Uhr

Kunstprojekt an der Haarbeckschule behandelt die Themen Müll, Armut und Kinderausbeutung
Ein Müllberg als Weckruf

Ein Müllberg als Weckruf
Ein Müllberg als Weckruf
Neukirchen-Vluyn. Ein Müllberg, eine Schaufensterpuppe, die im Abfall wühlt, und ein Fernseher, in dem Videos von Kindern gezeigt werden, die ums Überleben kämpfen - die 8 a der Haarbeckschule hat einiges zum Thema Armut, Müll und Kinderausbeutung zusammengetragen, was ihre Mitschüler zum Nachdenken anregen soll. Von Claudia Basener und Laura Becker

Was die Schülerinnen und Schüler hier zu sehen bekommen, ist das Ergebnis eines Kunstprojektes der Klasse 8 a der Hauptschule. Eine Woche lang sammelten die Jugendlichen den zu Hause anfallenden Müll für eine Skulptur, die zeigen soll, wie viel Abfall in so kurzer Zeit produziert wird. Zusammengekommen ist ein ziemlicher Haufen, der zu weiteren Fragen führte wie: Was ist mit den Menschen, die im Müll leben müssen? Gemeinsam mit Kunstlehrer Sinan Lafci entwickelten die Schüler das Thema weiter, beschäftigten sich mit Kindern aus der sog. Dritten Welt, die im Müll nach Verwertbarem suchen müssen, um ihr Überleben zu sichern. Nina, Jan, Julian, Felix, Fabian und Ruth haben sich besonders für das Projekt engagiert und hatten bei unserem Besuch eine Menge über ihre Arbeit zu erzählen.

"Wir wollen zeigen, wie Kinder woanders auf der Welt, speziell in Afrika, im Müll leben und versuchen dort zu überleben", erklärt uns Nina, die sehr viel Herzblut in das Projekt gesteckt hat. Die Schüler nutzten wochenlang jede freie Minute, egal ob morgens vor der Schule, in einer Freistunde oder nach der Schule, um an dem Projekt arbeiten zu können. "Der Müllberg mit der dunkelfarbigen Puppe soll ein Symbol sein, wie sich die Kinder in Afrika fühlen und wie sie versuchen durch und im Müll zu überleben", stellt Jan die Idee hinter der Installation vor. Die Schüler möchten zum Nachdenken anregen, aber nicht nur "meckern" wie Jan einwirft: "Wir präsentieren auch Lösungsvorschläge." Das unterstützt natürlich auch Kunstlehrer Sinan Lafci und macht die Schüler auf die naheliegendste Möglichkeit aufmerksam: "Wir können etwas verändern, indem wir z.B. weniger Müll auf dem Schulhof hinterlassen." Die Bemühungen der 8 a bleiben auch den anderen Schülern der Schule nicht verborgen. Nina freut sich darüber, dass ihr Projekt so viel Aufmerksamkeit erregt und berichtet, "dass die anderen Schüler sehr interessiert sind."

Um das Ganze für Mitschüler noch interessanter zu machen, haben die Projektteilnehmer einen Fernseher in den Müllberg gestellt, in dem ein Film läuft, der das Leben von Kindern in Armutsvierteln dokumentiert. "Wir haben bei Youtube nach Videos über die Müllkinder gesucht", so Jan über das Vorgehen. Die Videos wurden anschließend von Lehrer Sinan Lafci gesichtet und zusammengeschnitten. Herausgekommen ist ein 35-minütiger Film, der das Leben verschiedener Straßenkinder, ihren Kampf ums Überleben, die Suche nach Essen und dem damit verbundenen Leben im Müll zeigt. "Ihr werdet schockierende Bilder sehen", warnt Jan die anderen Schüler bevor ihnen der Film im Rahmen der Projektpräsentation gezeigt wird. Kinder in Afrika hungern oft tagelang, sie können nicht zur Schule gehen und fangen schon ganz früh an zu arbeiten, suchen z.B. Plastiktüten, die sie waschen und Händlern zum Kauf anbieten. Gesundheitshelfer setzen sich für diese Menschen ein, sowohl medizinisch als auch bildungstechnisch. Die Kinder kennen nichts anderes als "Essen aus dem Müll" und ziehen sich sehr oft gefährliche Krankheiten zu. Im schlimmsten Fall sterben sie bei dem verzweifelten Versuch etwas Verwertbares zu bekommen auf den Müllbergen.

Auf die Frage, was ihnen bei diesen Bildern durch den Kopf geht und was sie aus dem Projekt und dem Film mitnehmen würden, antworten uns einige Mädchen: "Uns wird klar, wie gut es uns hier geht. Wir würden gerne selbst helfen. Es liegt in unserer Verantwortung wie die Kinder in Afrika und woanders auf der Welt leben müssen. Reiche Menschen sind oft viel zu geizig und sollten mehr für arme Leute spenden." Besonders erschrocken hat die Schüler, wie viele Verletzungen sich die Straßenkinder bei ihrer täglichen Müllsuche zuziehen und dass kaum eine ausreichende medizinische Versorgung gewährleistet werden kann: "Am Schlimmsten war, dass die Kinder dort schon ans Sterben denken. Da sind unsere Sorgen nichts gegen." "Eine Glücksgeburt", benennt Sinan Lafci die Tatsache, dass wir hier geboren sind und ein ganz anderes Leben führen können. Ein paar Schüler nicken, andere überlegen noch. Die meisten wird das Gesehene noch eine Weile beschäftigen und einige werden durch das Projekt sicherlich etwas für ihr weiteres Leben mitgenommen haben.

 

Während des Projektes sind auch zwei weitere Ideen entstanden, auf die man kurz eingehen sollte. Eine von ihnen wird durch ein über zwei Meter hohes Totenkopf-Mosaik aus Trinkpäckchen visualisiert. Fabian zeigt uns stolz den riesigen Berg, der aus 437 leeren Durstlöscherverpackungen besteht: "Wir haben alle Schüler gebeten ihre Verpackungen zu sammeln und dann daraus den Turm gebaut. Die Löcher in dem Turm sollen ausgefallene Zähne symbolisieren. So wollen wir gleichzeitig darauf aufmerksam machen, dass zu viel Zucker dem Körper schadet."

Am Freitag ist zudem eine "T-Shirt-Malaktion" gestartet, deren Idee von der kleinen Fairtrade-Modemarke "Tellavision-clothing" aus Duisburg stammt. Die von der Marke verkauften T-Shirts und Kapuzenpullis sind mit Motiven bedruckt, die ursprünglich arme Kinder der sog. "Dritten Welt" malen, die dann vervielfältigt und hier in Kollektionen vertrieben werden. Bei jedem verkauften Stück werden 5 Euro in das jeweilige Projekt gespendet. Die Haarbeckschüler haben nun selbst T-Shirts bemalt und mit ihnen weiteres Geld gesammelt. Ein morgen stattfindender Spenden- und Sponsorenlauf soll die Summe in die Höhe treiben, mit der die Arbeit von Tellavision-Gründer Sascha Ivan unterstützt wird. Dieser möchte im September nach Indien fahren, um dort minderjährige Mädchen, die in Textilfabriken ausgebeutet werden, aus der Spirale von Gewalt und Missbrauch zu befreien. Weitere Infos zu Tellavision und der potentiellen Reise nach Indien finden Sie auf www.tellavision-clothing.com.