| 15.50 Uhr

Sensation im Jahr 1932: Flugboot "Dornier-X" wassert vor Homberg
Tausende Schaulustige verfolgten Spektakel

Sensation im Jahr 1932: Flugboot "Dornier-X" wassert vor Homberg: Tausende Schaulustige verfolgten Spektakel
Luftbild des Ereignisses aus Ruhrorter Perspektive mit der alten Admiral-Scheer-Brücke (heute Friedrich-Ebert-Brücke) und tausenden Schaulustigen. Die Dornier-X (roter Kreis) liegt auf Höhe des Rheinpreußenhafens auf Homberger Seite. FOTO: Archiv Stratenwerth
Homberg. Der Homberger Heimatforscher und Archivar vom Freundeskreis Historisches Homberg, Reinhard Stratenwerth, hat mal wieder für das Stadt-Panorama eine ganz besondere Geschichte ausgegraben: die Landung des seinerzeit größten Flugbootes "Dornier X" im Jahr 1932 auf dem Rhein bei Homberg. Von der Redaktion

Die Dornier-X (DO-X) landete am 6. September 1932 zwischen den Einfahrten zum Rheinpreußenhafen und Eisenbahnhafen vor dem Homberger Ufer auf dem Rhein. Zehntausende waren gekommen, um das damals größte Flugschiff der Welt mitzuerleben.

1932 war die Zeit hoher Arbeitslosigkeit. Kaum jemand konnte sich erlauben mit dem Zug oder der Straßenbahn zu fahren, geschweige denn zu fliegen. So war die Landung der DO-X ein sensationelles Spektakel. Schon Wochen vorher gab es nur noch ein Thema: der Besuch des Flugschiffs. Die örtliche Presse brachte ausführliche Vorberichte. Schon früh morgens hatte sich eine Völkerwanderung zu Fuß oder mit dem Fahrrad zum Rheinufer in Bewegung gesetzt, weil niemand die Ankunft der DO-X versäumen wollte. Die besten Plätze auf der Rheinbrücke Homberg-Ruhrort waren schon früh "ausverkauft". Die Straßenbahnen waren überfüllt. Da hatten die Leute wohl die letzten Groschen zusammengekratzt. Gegen 11 Uhr wurden in Homberg und Ruhrort schon ca. 35.000 Neugierige geschätzt.

Über Telefon erhielt man die Nachricht, dass die DO-X um 8.48 Uhr in Hamburg gestartet sei und gegen 12.50 Uhr eintreffen werde. Genau zur angegebenen Ankunftszeit tauchte das Flugschiff aus Richtung Baerl kommend auf, überflog in ca. 160 m Höhe die Admiral-Scheer-Brücke und ging nach mehreren Schleifen um 13.08 Uhr sicher vor dem Homberger Ufer zwischen den Einfahrten zum Rheinpreußenhafen und Eisenbahnhafen auf dem Wasser nieder. Zehntausende auf beiden Seiten des Rheins, darunter viele Schulklassen, applaudierten bei der Landung des Giganten der Lüfte und ließen Flugkapitän Friedrich Christiansen und die Besatzung hochleben.

Die DO-X wasserte noch bis Montag, 13. September 1932, vor der Rheinbrücke, so dass viele Homberger und Ruhrorter die Gelegenheit nutzten, das Flugschiff aus der Nähe zu bestaunen und dessen drei Ebenen zu besichtigen. An der Kasse standen die Besucher stundenlang Schlange. Der Eintritt kostete 50 Pfennig, jedoch konnte sich nur relativ wenige den Eintritt leisten. Am 13. September um 11 Uhr sollte das Flugboot zum Weiterflug nach Düsseldorf starten. Die Vorbereitungen begannen vor vielen Zuschauern früh. Es wurde u.a. betankt. Um 10.15 Uhr wurden die Motoren angekurbelt. Die DO-X war bereit zum Start.

Unter der Rheinbrücke hindurch zog das riesige Flugschiff seine Bahn in Richtung Homberg-Essenberg. Dann zog es eine Kurve und kam wieder auf die Zuschauer zu und immer schneller werdend unter der Brücke her und an seinem bisherigen Liegeplatz vorbei in einer rasanten Kehrtwendung die Strecke noch einmal, raste auf die Baerler Haus-Knipp-Brücke zu und hob dann seicht vom Wasser ab. Sie flog immer höher in Richtung Baerl und Moers und wurde dann zwischen den Homberger Brückentürmen wieder sichtbar, überflog die Menschenmengen an beiden Ufern, machte eine Schleife über Ruhrort Richtung Oberhausen. Ein letztes Mal kam die DO-X zurück und flog schließlich unter dem Sirenengeheul der Schiffe über die dicht mit Neugierigen besetzte Homberger Brücke hinweg den Rhein entlang Richtung Düsseldorf. Die begeisterten Zuschauer schwenkten weiße Tücher und riefen "Hurra!". Der einmalige, unvergessliche Besuch der DO-X, dem größten Flugboot der Welt, war in wahrsten Sinne des Wortes eine Sensation und noch lange Stadtgespräch in Homberg.

Zur Historie des Flugschiffes: Im Juli 1929 gelang es dem Piloten Richard Wagner das damals größte Passagierflugzeug der Welt, die DO-X zum Erstflug in die Luft zu bringen. Das Flugschiff war in Altenrhein auf der Schweizer Seite des Bodensees gebaut worden. Das Werk war damals die modernste Flugzeugfabrik Europas. Dieses Flugschiff durfte wegen der Bedingungen im Versailler Vertrag nicht in Deutschland produziert werden. Die Dornier-Metallbau GmbH in Friedrichshafen am Bodensee suchte deshalb nach einem geeigneten Grundstück außerhalb des Landes und wurde in Altenrhein fündig.

Die Pläne zur DO-X stammten von Claude Dornier (1884–1969). Der Ingenieur und Unternehmer hatte nach dem I. Weltkrieg, damals noch als Angestellter der Zeppelin-Werke in Friedrichshafen eine Vision: ein auf dem Wasser startendes und landendes Flugboot aus Metall sollte den Transatlantikverkehr möglich und zugleich rentabel machen. Mit seiner Idee eines transatlantiktauglichen Großraumflugschiffs revolutionierte Dornier den Flugzeugbau. Die DO-X stellte alles Bisherige in den Schatten.

Die Innenausstattung der Passagierkabinen glich eher einem Ozeandampfer als einem einfachen Transportmittel für die Reise von A nach B. Bordbar und Rauchersalon, ein Teesalon mit Perserteppichen sowie ausklappbare Betten sollten für die Bequemlichkeit der Reisenden sorgen. Für das kulinarische Wohl wurde eine Bordküche eingebaut. Damit es nicht langweilig wurde, installierte man eine Radioempfangsstation. Auch eine Bordtoilette fehlte nicht.

Berühmt wurde die DO-X durch ihre 45.000-Kilometer-Weltreise über vier Erdteile mit zwei Atlantiküberquerungen vom November 1930 bis zur stürmisch gefeierten Rückkehr nach Deutschland und der Landung im Mai 1932 auf dem Müggelsee in Berlin. Eine beispiellose Rundreise, die zum großen Triumphzug wurde und unter anderem über Bordeaux, Lissabon, die Kanarischen Inseln und Rio de Janeiro bis nach New York führte.

Wieder zurück in der Heimat, machte die DO-X noch einen ca. 5 Monate langen Rundflug über Deutschland. Die Stationen ab dem 23.06.1932 waren Berlin, Stettin, Königsberg, Danzig, Swinemünde, Stralsund, Warnemünde, Travemünde, Holtenau/Kiel, Flensburg, Wyk auf Föhr, List auf Sylt, Wyk auf Föhr, Norderney, Wilhelmshaven, Bremen, Hamburg, Altona/Hamburg, HOMBERG, Düsseldorf, Köln, Bonn, Koblenz, Frankfurt a.M., Wiesbaden, Mainz, Mannheim, Zürich, von dort am 14.11.1932 zum Heimathafen in Altenrhein am Schweizer Bodenseeufer.