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"Vor Sonnenuntergang" - Theater in der Hafenkneipe
Und keiner will der Kapitalist gewesen sein

"Vor Sonnenuntergang" - Theater in der Hafenkneipe: Und keiner will der Kapitalist gewesen sein
Hans Twittmann am Mikrofon gibt alles, kritisch beäugt von (v. l.) Theo Steegmann, Wolfgang Müller, Fritz Hemberger und (verdeckt) Thomas Frahm. FOTO: mediaDEVICE
Ruhrort. Großer Andrang am Hafenmund. Nicht für einen Hollywood-Blockbuster oder ein Musical, für Laientheater wurde Schlange gestanden. Sieben Männer, eine Kneipe und der Blick aus dem Fenster. Nächstes Wochenende noch zweimal. Von Thomas Warnecke

Als Kinder haben sie noch auf der Straße gespielt, sind zur Mercatorinsel, die damals noch Speditionsinsel hieß, geschwommen und in der Ruhr; es gab Zuckerwasser aus Underberg-Fläschchen – und gottseidank noch keine Mädchen.

"Im Neoliberalismus hat Erinnerung keinen Platz", doziert Theo Steegmann später. Nicht umsonst spielt "Vor Sonnenuntergang" in einer Kneipe. Klar, weil's beim Hübi mit Blick auf Hafenmund und Rheinorange einen besonders schönen gibt – aber auch, weil die Kneipe als Ort öffentlicher Rede wie privaten Dampfablassens bedroht ist: In Ruhrort, wo's nachweislich einst über hundert Schänken und Tränken gab, sind's keine zehn mehr.

Dabei entsteht doch erst hier, was sich Leben nennen und was sich vom Leben erzählen lässt. Oder auch nicht: Gleich zum Einstieg werfen Thomas Frahm, Wolfgang Grafers, Klaus Grospietsch, Fritz Hemberger, Wolfgang Müller, Theo Steegmann und Hans Twittmann ihre Vor- und Nachnamen, Geburtsdaten und -orte durcheinander, so dass von Anfang an unklar ist, wer hier spricht. Als Theo Steegmann wider sich breitmachende Sentimentalität zur Ordnung und das "wahre 68" in Erinnerung ruft, liest er den papiernen Text konsequenterweise ab. Andersherum hatte Fritz Hemberger den Theatermachern Sarah Mehlfeld und Stefan Schroer schon vorher angekündigt: "Bleibt mir bloß weg mit Auswendiglernen", weshalb er hier sozusagen den authentischen Mann aus dem Volk spielt – und mit Theo Steegmann den Belmondo-Lookalike-Contest ausficht.

Geprügelt wird sich nicht, doch Mann oder Memme ist von Anfang an die Frage. Klar war, wofür sich ein Junge entscheidet, wenn der Lehrer fragt: "Strafarbeit oder Ohrfeige?" Wolfgang Müller, der das erinnert, war übrigens selbst Lehrer. Thomas Frahm hingegen war bisher als Dichter und Übersetzer bekannt und nicht als Ausdruckstänzer, als der er sich zu "Vamos" von den Pixies quasi selbst niederringt. Von ihm und von Klaus Grospietsch sind Gedichte in den Stücktext eingeflossen. Das gehört zu den ganz starken Momenten in "Vor Sonnenuntergang": Wenn die Kneipenrede zur Lyrik wird – falls sie es nicht sowieso schon ist. So bekommt Theater Arbeit Duisburg hier auch passend seinen bzw. Heiner Müllers ewigen Mauerer unter: "Und keiner will der Kapitalist sein". Was wer gewesen sein und gewusst haben wollte, das haben sie mit ihren Eltern, vor allem Vätern ausgefochten. Was sie selbst (gewesen) sein wollen, wird auch klar: erfolgreich bei Frauen. Der Blick ins Publikum zeigt: Hier sind sie es.

Vielleicht bringt Gastgeber Dirk Hübertz als er selbst in den verbleibenden zwei Aufführungen den Darstellern – fürs Publikum gibt's nur vorher und nachher welches – noch ein bisschen mehr zu trinken auf die Bühne, denn wenn (außer den Anmachtricks) etwas hängenbleibt, dann doch vor allem dies: Bier ist Opposition!

(Niederrhein Verlag GmbH)