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Der „Schimmi“ der Mafiamorde

Der „Schimmi“ der Mafiamorde
Dagmar Dahmen und Heinz Sprenger nach dem „Verhör“ beim Hübi. FOTO: tw
Vor zehn Jahren erschütterten die Mafiamorde von Duisburg die ganze Republik. Der relativ unerschütterliche Kriminalkommissar Heinz Sprenger hatte schon viel gesehen, aber das war auch für ihn "Neuland". Der Aufklärer von damals ist heute ein viel gefragter Mann. Von Thomas Warnecke

Tatort Duisburg-Ruhrort, Horst-Schimanski-Gasse. Die Hafenkneipe "Zum Hübi" ist bis auf den letzten Platz besetzt, Dagmar Dahmen, die sonst Schimmi-Touristen durch den Hafenstadtteil führt, hat zur "Lesung mit Verhör" eingeladen. Verhört wird Heinz Sprenger, Kriminalkommissar a.D., er hat sein Buch mitgebracht, "Der wahre Schimanski. Meine spektakulärsten Fälle als Duisburger Chefermittler", Schimmi-Führer Henry "Lehmannski" Lehmann liest Passagen vor. Dagmar Dahmen führt das Gespräch, aber vor allem das Publikum überschüttet Sprenger mit Fragen. Und Sprenger antwortet, erzählt und rollt alte Fälle wieder auf, erinnert sich an sämtliche – oft genug unappetitliche – Details, weiß alle Namen und Adressen. Das sei ein Schlüssel zum Erfolg, sagt er – von Hunderten Tötungsdelikten in seiner 16-jährigen Amtszeit als Chef der Mordkommission hat Sprenger nur "zweieinhalb" (das halbe war ein versuchtes) nicht aufklären können – denn "irgendeine Spur bleibt immer", und bei den "Quantensprüngen in der DNA-Analyse" und anderen technischen Hilfsmitteln kann ein Fall dann Jahre später doch noch geklärt werden – wenn sich ein Kommissar dran erinnert.

Es ist der 15. August 2007, Heinz Sprenger hat Bereitschaftsdienst. Kurz nach halb drei bekommt er einen Anruf vom Kriminaldauerdienst; am Klöckner-Hochhaus sind Schüsse gefallen, fünf Tote gibt es bereits, ein sechster wurde zum Zeitpunkt des Anrufes noch reanimiert. "Bei mir kam sofort der Gedanke auf: 'Das sind wahrscheinlich wieder Türken, Albaner, Russen ...'"

Auch ein Polizist ist nicht frei von Vorurteilen, Sprenger gibt das zu. Aber auch, als sich schon nach kurzer Zeit, wegen des Lokals "da Bruno" und der Herkunft der Opfer, eine eindeutige Spur in Richtung Mafia bzw. 'Ndrangheta aufdrängt, sagt Sprenger in der ersten Pressekonferenz, als "die Ü-Wagen bis in die Stadtmitte standen": "Wir ermitteln in alle Richtungen." Was sie tatsächlich taten. Das war später beim Prozess ein Vorteil, weil so gegenüber dem italienischen Staatsanwalt belegt werden konnte, dass nicht einseitig nur eine Spur verfolgt wurde.

Als Sprenger gegen 2.45 Uhr am Tatort eintrifft, ist auch das sechste Opfer tot. "Keines der Opfer hatte eine Überlebenschance." 54 Schüsse hatten die Täter aus ihren Pistolen der Marke Beretta 93R abgefeuert.

Relativ schnell kann Sprenger in Erfahrung bringen, dass das "da Bruno" eine Drehscheibe der 'Ndrangheta ist, "alleine in Duisburg gibt es 80 Personen aus San Luca, zehn davon sind Pizzabäcker, und alle sind miteinander verwandt." Sein Büro ziert bald eine "Clan-Tapete", denn um zu wissen, "wer mit wem verwandt ist, müssen Sie das schon bis zu den Großeltern zurückverfolgen können." Der Pächter des da Bruno, dessen Bruder Sebastiano zu den Opfern gehört, hat den gleichen Namen wie der eine der Schützen, Giovanni Strangio, dessen Schwager wiederum der zweite Schütze ist, Giovanni Nirta.

Bis das aufgeklärt ist, beginnt erstmal die Spurensicherung. "Wir haben im Umkreis des Tatorts jede Zigarettenkippe ausgewertet", sagt Sprenger. Am Klöckner-Hochhaus gibt es Überwachungskameras, noch aus "RAF-Zeiten", doch die Spezialisten vom BKA meinen, mit den Bildern sei nichts anzufangen. Sprenger und seine Kollegen jedoch können in 14-tägiger Kleinarbeit herausfrickeln, wie groß die Täter sind. Von der italienischen Polizia di stato kommt der Hinweis auf Giovanni Strangio, der in Kaarst eine Pizzeria betreibt, für den am 30. August 2007 ein internationaler Haftbefehl erwirkt wird. Als Journalist getarnt, fährt Sprenger nach San Luca, "ins Mutterhaus der 'Ndrangheta. Da gibt es kein Haus ohne Einschusslöcher." Hier hatte die Fehde begonnen, 1991 mit einem "Karnevalsscherz", dem 200 Tötungsdelikte folgten, bis 2006 Maria Strangio ermordet wird, doch der Anschlag hatte ihrem Mann gegolten, dem zweiten Schützen, Giovanni Nirta, Giuseppes Schwager.

Sprenger und sein bis zu 140-köpfiges Team finden den Tatwagen in Gent, eine Täterwohnung in Mönchengladbach und den Waffenladen in Düsseldorf, wo Giovanni Strangio drei Tage vorm da-Bruno-Massaker die Tatwaffen kauft. 670.000 "Funkzellendaten" werden ausgewertet, 110 Telefonüberwachungen durchgeführt, "da hängt unheimlich viel von der Qualität der Dolmetscher ab!", 72 Leute werden in Italien festgenommen.

Mit der Zielfahndung des BKA kommt Sprenger schließlich an den dritten an den Morden von Duisburg Beteiligten, verhaftet ihn aber nicht. Die Hoffnung: über ihn an Giovanni Strangio zu kommen.

Am Abend des 12. März 2009 ist es soweit, Zugriff in Amsterdam, in der Wohnung sitzen Giovanni Strangio, seine Frau und der dritte Komplize, auf dem Tisch liegen 570.000 Euro in bar. Als Sprenger Giovanni Strangio fragt: "Wo haste denn die Kohle her?", sagt der: "Vom Pizzabacken."

Heinz Sprenger ist nicht oft zuhause gewesen damals, aber "meine Frau wollte lieber einen zufriedenen Mann, auch wenn er dann nicht so oft da ist". Das war eine weitere Ursache für den Erfolg: den Rücken freizuhaben. Dank seiner Frau, und dank Kollegen wie denen aus Krefeld, die ihm nach den Mafiamorden sofort anbieten, sich ums Alltagsgeschäft zu kümmern – allein 1.200 "Leichensachen", also ungeklärte Todesfälle, müssen Duisburger Kriminalbeamte pro Jahr bearbeiten.

Man muss es im Lutherjahr so sagen: Da steht ein freier Mann, und der sagt, was er denkt. "Unter so einem Typen arbeite ich nicht weiter", sagt Sprenger über den Leiter der Fachhochschule, an der der Kriminalkommissar im Ruhestand (noch) Polizeistudenten in Vernehmungstechnik und anderem unterrichtet, und dem Sprengers offene Art nicht gefällt. Denn Sprenger sagt, was los ist: Es gibt viel zu wenig Personal bei der Polizei, viel zu wenig Zeit, um Hinweisen nachzugehen oder sich in Fachgebiete einzuarbeiten. "Im Moment konzentriert sich alles auf den islamistischen Terror. Aber um einen Einbruch aufzuklären, muss man sich auch mal an ein Auto dranhängen ..." Technisch sei die Polizei bestens ausgestattet, und da würden auch weiterhin Fortschritte gemacht. Personell nicht. Es steht zu befürchten, dass derzeitige Ermittler Heinz Sprengers Aufklärungsquote nicht mehr erreichen.

Immerhin: Dass sich so etwas wie die Mafiamorde von 2007 wiederholt, glaubt Sprenger nicht: "Die 'Ndrangehetta ist wirtschaftlich ausgerichtet, und wirtschaftlich waren die Morde ein Fehler." Weil die internationalen Ermittlungen das Geschäft praktisch lahmgelegt haben. Doch Sprenger warnt: "Das organisierte Verbrechen wird immer noch unterschätzt."

(Niederrhein Verlag GmbH)