| 11.22 Uhr

Das maritime Museum der Madame Bouchard

Das maritime Museum der Madame Bouchard
Dorothée Bouchard im maritimen Museum, das einen dauerhaften Platz in der oberen Etage der ehemaligen Herrenschwimmhalle gefunden hat – mit Blick auf ein echtes Segelschiff. FOTO: tw
Ruhrort. Vor zwei Jahren hat Künstlerin Dorothée Bouchardt ihre Sammlung von rund 6.000 Schiffspostkarten dem Museum der deutschen Binnenschifffahrt geschenkt. Jetzt wird eine Auswahl im ehemaligen Hallenbad gezeigt. Von Thomas Warnecke

Mit einem gelben Briefkasten fing es an. Dorothée Bouchard fertigte ihn als Auflagenobjekt für den Düsseldorfer Kunstverein an, gab eine Ansichtskarte des Postdampfers "Esne" dazu und bat: "Schicken Sie bitte eine Schiffspostkarte Ihrer Wahl retour". Daraus ist ein bis heute nicht abreißender Fluss an Einsendungen geworden. Obwohl die Zeit der Postkarte vorbei ist – der friesische Künstler Pitt Grosse, fleißigster Einsender, schickt mittlerweile nur noch E-Mails.

Eigentlich begann alles viel früher. Postkarten sind die wichtigsten Erinnerungen, die Dorothée Bouchard von ihrem Vater hat, der im Zweiten Weltkrieg in Norwegen gefallen ist. Die zweite Wurzel des Projekts ist Dorothée Bouchards eigene Reise- und Entdeckerlust. "Nach dem Krieg jung zu sein, war toll, weil alles offen war." Mit 19 Jahren ging sie 1957 als Au-pair nach Istanbul, dann nach Paris. "Ich wollte keine Deutsche mehr sein." Sie wird an einem Theater genommen, wegen ihres Akzents aber zu "deutschen Rollen" gedrängt. Also wechselt sie zur Pantomime. Der große Marcel Marceau macht aus Dörthe Dorothée. Einem anderen aus Marceaus Truppe reist sie bis nach Mexiko hinterher: Alejandro Jodorowsky, später ein genialer Filmemacher. "Für mich war das Shakespeare persönlich." Zurück in Paris, lernt sie bei Johnny Friedländer Farbradierung und erlebt hier den Mai '68, als "die Imagination unterm Pflaster" lag und die Idee geboren wurde, dass jeder Mensch ein Künstler sei. 1970 heiratet sie Louis-Jean, genannt Elliot, und mit dessen französischem Nachnamen geht's zurück nach Deutschland, nach Düsseldorf. Aus dem großen gemeinsamen Freundeskreis aus Künstlern und Intellektuellen speist sich die Postkartensammlung, die Namen lesen sich wie ein Who-is-who der jüngeren Kunstgeschichte, aber auch durch viele unbekannte Einsender. Als das maritime Museum in der alten Mühle, die die Bouchards in Balsièges besitzen, aus allen Nähten zu platzen droht, sucht Dorothée Bouchard einen neuen Hafen – und findet ihn im Binnenschifffahrtsmuseum, wo sie 2003 erstmals eine Auswahl zeigt. "Ich finde dies Museum sehr schön dafür", sagt Dorothée Bouchard, "ich wollte die Sammlung in der Nähe haben."

Witzige Sachen sind dabei, ein Karnevalswagen von Jacques Tilly, ein "Flautenschiff", 1980 (!) von Reiner Ruthenbeck am Computer gezeichnet. Und um so vieles noch könnte die Schau erweitert werden: ein noch nicht gedrehter Film, der "Postkartenmantel" mit "tausend Taschen" ... Die Reise hört nicht auf, das Fernweh ist nie zu Ende – erst recht nicht in einem Binnenhafen.

Eröffnung: Sonntag, 2. April, um 11 Uhr, Museum der Deutschen Binnenschifffahrt, Apostelstraße 84, Ruhrort.

(Niederrhein Verlag GmbH)