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Kulturkippe extra: Gratulation, Werner Ruzicka!
Was wir in Duisburg wissen

Kulturkippe extra: Gratulation, Werner Ruzicka!: Was wir in Duisburg wissen
Werner Ruzicka FOTO: df/Archiv
"Wenn die Schlacke aber bleibt, ist der Stahl scheiße, das weiß jeder, nicht nur in Duisburg." Von Thomas Warnecke

Als die Diskussionen um die Zukunft der Berlinale hochkochten, hielten Christoph Hochhäusler und Thomas Heise eine vielbeachtete Rede. 79 Filmemacher hatten sich in einem offenen Brief gewünscht, "das Festival programmatisch zu erneuern und zu entschlacken". Dazu erklärten die Mitunterzeichner Heise und Hochhäusler: "Bei der Stahlerzeugung entsteht Schlacke als Nebenprodukt. Schlacke ist das Überflüssige am Stahl. Die ist schwer herauszubekommen. Wenn die Schlacke aber bleibt, ist der Stahl scheiße, das weiß jeder, nicht nur in Duisburg."

Was wir nämlich in Duisburg außerdem noch wissen und die in Berlin anscheinend nicht, ist, wie man ein Festival macht, "das sich konzentriert". "Das Geheimnis eines langweiligen Festivals ist es, alles zu zeigen", so Heise und Hochhäusler zur Berlinale. Im Gegensatz dazu "muss es in einem aufregenden Festival darum gehen, eine pointierte Auswahl zu zeigen mit klarem Blick auf diese Welt, auf das Kino." Und da können die beiden – Thomas Heise ist praktisch jedes Jahr hier – nur das Vorbild Duisburger Filmwoche gemeint haben. Denn die macht genau das: auswählen statt alles zeigen, Widerspruch statt Konsens, Besonderheit, nicht Beliebigkeit, Evidenz statt Wischiwaschi. Stahl statt Schlacke.

Dafür steht Werner Ruzicka, seit 1985 und in diesem Jahr zum letzten Mal Leiter der Filmwoche. Und der bekommt jetzt, genau, auf der Berlinale den Ehrenpreis der deutschen Filmkritik, als "Widerständler gegen die Konsensbildung", der sich "in seiner über 40-jährigen Schaffenszeit dem Dokumentarfilm intellektuell rigoros und leidenschaftlich wie kaum ein anderer verschrieben" hat.

Was eigentlich nur heißen kann, dass Ruzicka nach seinem Abschied von Duisburg die Berlinale übernimmt. Er bekäme eine Stadt mit moderateren Rauchverboten und brächte dafür die richtige Einstellung zu deutschen Spielfilmen mit: "Life's too short to watch ..."

Wir gratulieren erstmal lieber nur zum Ehrenpreis und hoffen, dass Werner Ruzicka Duisburg erhalten bleibt. Damit hier niemand vergisst, wie Entschlacken geht: Sehen, denken, reden, rauchen.

Siehe hier: "Sichtbar machen, was passiert"

(Niederrhein Verlag GmbH)