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38. Duisburger Akzente
Was ändert sich?

38. Duisburger Akzente: Was ändert sich?
Das Stück der Stunde: August Zirner als Jude Nathan und Mara Widmann als Christin Daja in „Nathan der Weise“ vom Münchner Volkstheater. Aus Sitta, der Schwester des muslimischen Sultans Saladin, ist in Christian Stückls Inszenierung der radikalislamische Bruder Melek geworden. FOTO: Arno Declair
Duisburg. Mit "Stella – Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm" von der Neuköllner Oper werden am Freitag, 10. März, um 20 Uhr im Festivalzelt Mercatorviertel die 38. Duisburger Akzente eröffnet. Von Thomas Warnecke

Ein Musical, Autor Peter Lund nennt es ein "deutsches Singspiel". Es geht um eine jüdische Deutsche, Anfang 20, im Berlin der 40er Jahre. Um sich und ihre Eltern zu retten, arbeitet sie für die Gestapo als "Greiferin", die versteckte Juden aufspürt und denunziert. Nach einem wahren Fall: Die reale Stella Goldschlag stürzte sich 1992, nach zehn Jahren Haft bei den Sowjets, einer gleichlautenden Verurteilung in Westdeutschland, fünf Ehen und zwischen 600 und 3.000 denunzierten Juden, 72-jährig aus dem Fenster.

"Umbrüche" lautet das diesjährige Akzente-Motto. "Stella" spielt vor allem mit den Umbrüchen in der Hauptfigur selbst: Jüdin, aber Antisemitin, goldener Engel und blondes Gespenst. Ein harter Stoff, was vielleicht der Grund ist, dass bis gestern noch nicht alle der rund vierhundert Plätze im Festivalzelt ausverkauft waren.

"Umbrüche" ist ein Theaterthema, weshalb wir uns auf ein, Zitat Festivalleiter Frank Jebavy, "ganz tolles Theatertreffen" bei den Akzenten freuen können. Höhepunkt eins der ersten Woche, am Sonntag, 12. März im Stadttheater: "Der Auftrag" von und tatsächlich auch mit Heiner Müller, denn Tom Kühnel und Jürgen Kuttner lassen den überwiegenden Teil des Textes in ihrer Inszenierung fürs Schauspiel Hannover den 1995 gestorbenen DDR-Dramatiker selbst sprechen; vom Band läuft eine Lesung in Leipzig von 1980. Das Stück handelt von drei Abgesandten der Französischen Revolution, die auf Jamaika einen Sklavenaufstand initiieren und damit quasi die Revolution exportieren sollen. Doch dann kommt daheim Napoleon an die Macht. ""Die Welt wird was sie war, eine Heimat für Herren und Sklaven", sagt Debuisson, von Corinna Harfouch als Weißclown verkörpert.

Zweiter Höhepunkt, am 14. und 15. März im Stadttheater: "Nathan der Weise", mit dem Konflikt zwischen Juden, Christen und Muslimen sicher "das Stück der Stunde", wie Schauspielleiter Michael Steindl sagt. Nicht umsonst sieht August Zirner in der Titelrolle des Weisen, der mit der Ringparabel das große Gleichnis der Aufklärung erzählt, dem bedeutendsten Geschichtenerzähler unserer Zeit ziemlich ähnlich: Steven Spielberg.

Mit einem Ensemble aus Schauspielern, Sängern, Musikern, Malern und Videokünstlern setzen Autorin und Regisseurin Anja Schöne und Musiker Thorsten Töpp ihr "Live-Hörspiel-Theater-Konzert-Film-Performance-Ausstellungs-Poetry-Slam-Ereignis" mit dem Titel "2047 oder Am Anfang aller Tage" um. Davon ausgehend, dass die Umbrüche, die unsere Zukunft bestimmen werden, jetzt geschehen, werfen sie den Blick auf eine mögliche Welt in 30 Jahren, zu sehen am 11., 12., 15. und 16. März im Lokal Harmonie in Ruhrort. Wie der Körper mit Umbrüchen umgeht, sich neuen Gegebenheiten anpasst, zeigt "Ankündigung", die neue Tanztheater-Kreation von Avi Kaiser und Sergio Antonino, am 11. und 12. März im Museum DKM.

Dass 2017 auch Luther-Jahr ist – 500 Jahre Thesenanschlag – spielte bei der Entscheidung fürs Motto "Umbrüche" eine große Rolle – vielleicht eine größere, als dem Programm jetzt abzulesen ist. Jedenfalls stellt Willi Winkler zur Eröffnung des Akzente-Literaturprogramms am Samstag im Stadtfenster seine Biografie "Luther. Ein deutscher Rebell" vor. Und Rezitator Wolfgang Hausmann lässt am Sonntag im Ruhrorter Gemeindehaus Zeitgenossen Luthers zu Wort kommen wie Sebastian Brant mit seinem "Narrenschiff", Christoph Kolumbus und den Meistersinger aus Nürnberg Hans Sachs.

Das Akzente-Filmprogramm fällt dagegen vielleicht etwas ab, "Außer Atem" (13.3.), "Berlin. Die Sinfonie einner Großstadt" (14.3.) und auch "Pulp Fiction" lohnen sich aber allemal, besonders spannend aber dürfte der Filmabend "Bilder von Bruckhausen" am Dienstag in der Liebfrauenkirche sein. Zusammengestellt hat ihn Paul Hofmann von der Kinemathek im Ruhrgebiet. "Umbrüche", das heißt in Duisburg schließlich bis heute oft genug: Abriss. Der Filmabend ist Begleitprogramm zur Ausstellung "Bruckhausen – Beispiel oder Machtspiel", die ab Samstag in der Liebfrauenkirche zu sehen ist.

Die meisten Ausstellungen der Akzente werden am Freitag (Binnenschifffahrtsmuseum Ruhrort) oder Samstag (Stadtarchiv, Lehmbruckmuseum, Festivalplatz und gleich vier im Ludwigturm am Innenhafen) eröffnet, sind aber mindestens bis Ende der Akzente oder darüber hinaus zu sehen, deshalb dazu demnächst mehr.

(Niederrhein Verlag GmbH)