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Werner Ruzicka im Interview
Sichtbar machen, was passiert

Werner Ruzicka im Interview: Sichtbar machen, was passiert
Werner Ruzicka FOTO: df
Duisburg. Seit 1985 leitet Werner Ruzicka die Duisburger Filmwoche. Dieses Jahr ist er 70 geworden, nächstes Jahr wird er aufhören. SP-Redakteur Thomas Warnecke sprach mit ihm über Duisburg, Dok und DOC, Fußball und Fürsorge. Von Thomas Warnecke

Vhs-Leiter Gerhard Jahn hat kürzlich beklagt, dass die Filmwoche in Duisburg nicht die Anerkennung bekommt, die sie deutschlandweit und international hat. Wie siehst Du das?
Ruzicka: Wir laufen mangels vergleichbarer Festivals in Duisburg eher außer Konkurrenz, so nach dem Motto: "Das hat Duisburg auch, schön ..." Die Filmwoche ist nicht die Sandburg, ist nicht das Sommerkino. Was wir versuchen, ist, der Kultur der öffentlichen Diskussion einen Raum zu erhalten und so etwas wie kommunikative Urbanität zu erzeugen. Und da haben wir eine Tradition von 40 Jahren, in denen wir nie das Spektakel bedient, sondern auf das Einfache, das Naheliegende, den anspruchsvollen Dokumentarfilm gesetzt haben. Das hat uns in der Tat zu einiger Reputation verholfen. Duisburg hat Maßstäbe gesetzt für viele andere Festivals. Wir waren die ersten, die Super 8 und Video gezeigt haben. In Duisburg ist der Essay-Film entdeckt worden, der zeigt, dass Bilder denken können. Auch die Arbeitswelt – eine stolze Kultur! – war als Filmthema in Duisburg immer sehr etabliert.

Wie sieht's in der Gegenwart aus?
Die Beschäftigung mit dem Dokumentarfilm dieses Jahres beweist: Diese vielbeklagte Entpolitisierung der Jugend gibt es nicht. Die Studenten bzw. Nachwuchsfilmer, die ihre Filme bei uns zeigen, sind politisch. Indem sie Lebensverhältnisse sichtbar machen.
Auch die Bereitschaft, für sich und seine Meinung einzustehen, ist weiterhin da. Dafür muss man sichere Räume bereithalten, auch Wagenburgen. Diese Einheit von Schauen und Reden, die ist ein Geschenk.

Stichwort "Wagenburg": Das Publikum der Filmwoche hat so einen Gemeindecharakter, Leute aus der Branche, Studenten, Journalisten. Muss sich daran was ändern?
Wir haben lange Zeit probiert, um mal ein älteres Modewort zu verwenden, Zielgruppen zu erreichen: Da, schau mal, der Film mit dem Thema, das muss dich interessieren. Dabei kommt dann heraus, dass Leute eben vornehmlich über das Thema diskutieren und was alles getan werden müsste – aber nicht über den Film und wie er gebaut ist.
Aber ein anderer Weg funktioniert, das zeigt der irre Erfolg des Bildungsurlaubs. Dieses Jahr haben wir wegen der vielen Anmeldungen erstmals zwei Gruppen aufgemacht. Die sind dann eine Woche raus aus dem Alltag, sehen sich jeden Film an und stecken deshalb nicht in der Inhaltsfalle. Die sehen, dass das Genre Dokumentarfilm an sich interessant ist. Die lernen richtig was – und tragen zur kommunikativen Öffentlichkeit in Duisburg bei.

Man lernt was über Film, aber lernt man auch was über die Wirklichkeit?
Aber ja! Wenn man diese ganzen Reuebekundungen der Parteien nach der Bundestagswahl sieht, "da haben wir nicht aufgepasst", "das haben wir nicht gesehen" – im Dokumentarfilm war das zu sehen! Die Spannungen, zu denen die Migrationsbewegungen führen, aber auch, wie beispielsweise die traditionelle Familie erodiert. Es geht um Evidenz: Sichtbar machen, was passiert.

Du bist dieses Jahr 70 geworden, leitest seit 1985 die Filmwoche. Wie hat sich Duisburg in dieser Zeit verändert?
Man merkt den Rückgang der Arbeiterkultur im Sinne von Nachbarschaftlichkeit, aber auch von organisierter Öffentlichkeit. Die Stadt hat sich, finde ich, ganz gut gehalten. Aber die Leute, die man für Duisburg gewinnen müsste, mit Berufen aus neuen Technologien und Medien, die gehen lieber nach Köln. Das ist ein Problem des gesamten Ruhrgebiets, da haben andere Städte wahrscheinlich mehr vorgehalten. Bürgerstolz gibt es in Duisburg, aber es ist keine Stadt für "Lifestyle" wie Düsseldorf mit seinen Bars und Restaurants und so.

Wäre da das DOC hilfreich gewesen?
Ich fand Sören Link mutig, dass er gesagt hat, wie immer die Entscheidung ausfällt, ich stehe dahinter. Es wurde überall debattiert: Brauchen wir das? Die Leute, die da kommen sollen, kommen die wirklich? Daran haben viele nicht geglaubt. Man hat gesagt: Wir wollen unser bisschen Innenstadt am Leben halten. Tiefenpsychologisch könnte auch eine Rolle gespielt haben, dass der Ort der furchtbaren Loveparade-Katastrophe einfach überbaut werden sollte. Da hat sich der Eindruck eingestellt: Damals hat sich Duisburg übernommen, und jetzt übernimmt sich Duisburg wieder, mit einer Sache, die ökonomisch eigentlich schon durch ist.
Aber eine andere Entwicklung gefällt mir: der Brückenschlag nach China, Duisburg als das eine Ende der Neuen Seidenstraße. Da ist was im Fluss, eine Kommunikation der Menschen, Waren und Ideen, und nicht abstrakt, sondern materiell – das passt nach Duisburg.

Du bist gebürtiger Bochumer und nach wie vor Anhänger des VfL. Aber den MSV hast Du auch verfolgt?
Klar, das ist ja ein Mythos. Für uns Bochumer Studenten ging das Zittern los, wenn wir wussten, der MSV kommt mit Spielern wie Eia Krämer, Ronny Worm oder Ennatz Dietz. Der Abstieg des MSV hat ganz vielen Leuten – auch Gästen der Filmwoche! – weh getan, da ist noch ganz viel Liebe und Sorge da.

Um Fußball und Fürsorge dreht sich der Eröffnungsfilm der diesjährigen Filmwoche, über Fußballprofis ohne Verein, die sich in der Sportschule Wedau fit halten. Mit Fußball und Duisburg also wieder ein "Zielgruppenfilm"?
Könnte man sagen, so als Ruhrgebiets-Selbstmythos: Nicht hängen lassen! Der Film zeigt, wie den Spielern auf loyale Art Hilfe angeboten wird. Das ist eine schöne Antidose zu dem kommerziellen Wahnsinn, der in den Fußball eingezogen ist. Aber er zeigt auch die Menschenhandelei auf der unteren Ebene. Als Sportler ist man eben auch eine Ware, und als vereinsloser Spieler gilt man als Sonderangebot. Man sieht, wie irre verwissenschaftlicht auch dieser Bereich ist. Ein ziemlich guter, reicher Dokumentarfilm – also weit mehr als nur Futter für irgendeine Zielgruppe.