| 16.22 Uhr

Ausstellungsprogramm 2019
Lehmbruck-Museum fragt: Was ist schön?

Ausstellungsprogramm 2019: Lehmbruck-Museum fragt: Was ist schön?
Wer denkt schöner, Auguste Rodins Denker (l.) oder Wilhelm Lehmbrucks emporsteigender Jüngling? FOTO: Christian Baraja (l.), Jürgen Diemer
Duisburg. Das Jahr 2019 ist für das Lehmbruck-Museum ein ganz besonderes: Duisburg begeht den 100. Todestag von Wilhelm Lehmbruck. Mit der Jubiläumsausstellung "Schönheit" dürfte es auch ein besonders erfolgreiches Jahr werden. Mit Unterstützung aus Frankreich. Von Thomas Warnecke

Mit Gegenüberstellungen ist das in Ausstellungen ja immer so eine Sache, Stichwort Äpfel und Birnen. Wenn dann eine vergleichende Ausstellung auch noch die Überschrift "Schönheit" bekommt, ist der Wettbewerb nicht mehr weit. Und das ist doch mal eine schöne, weil polemische Ansage. Es treten an: Wilhelm Lehmbruck, Meiderichs großer Sohn, gegen Auguste Rodin, für Viele der Gründervater der modernen Plastik und Skulptur. Alexander Archipenko, Hans Arp, Constantin Brancusi, Alfred Boucher, Camille Claudel, Berlinde de Bruyckere und Henri Matisse geben die Entourage.

Schönheit ist überhaupt ein provokantes Thema; die Frage "Ist das schön?" war im gepflegten Kunstdiskurs lange verpönt, stattdessen ging's um das "Neue", Originäre, gesellschaftlich Relevante ... Das weiß auch Museumsdirektorin Söke Dinkla, sagt aber: "Schönheit ist ein Begriff, der Jeden zu Assoziationen einlädt."

Der Witz ist, dass den meisten Zeitgenossen damals vor den Werken Lehmbrucks wie Rodins sicher nicht als erstes der Gedanke "schön" in den Sinn kam. Mit seinem "Mann mit der gebrochenen Nase" wandte sich Rodin 1864 radikal von den akademischen Schönheitsidealen ab – und stellte, wie Kuratorin Jessica Keilholz erklärt, fest, dass eine in der Natur äußerst hässliche Erscheinung in der Kunst eine besondere Schönheit bekommen könne. Charakter ist das Stichwort bei Rodins Mann, in anderen Zusammenhängen wird gerne von einer "ganz aparten Schönheit" gesprochen (so wie man "sportlich" statt dick sagt). Eine Herausforderung an die Höflichkeit also, mindestens, was nur dann marginal ist, wenn man Ehrlichkeit über Höflichkeit stellt.

Womit wir beim Unterschied zwischen Deutschen und Franzosen wären, der in der Ausstellung zum Beispiel an der Gegenüberstellung von Rodins berühmtem Denker mit Lehmbrucks sitzendem Jüngling und anderen sinnenden Figuren durchgespielt werden kann. "Rodins 'penseur' ist muskulös wie ein Boxer", befand Lehmbruck. Man könnte in ihm auch einen geistigen Handwerker sehen, einer, der eine harte Nuss dann aber auch irgendwann knacken wird, "ich denke, also bin ich", für ein Problem gibt es auch eine Lösung usw. Lehmbrucks Denkerfiguren dagegen: "fast feminin", sehr langgestreckt "wie Gliederpuppen", erklärt Dinkla, nicht die Natur nachahmend, sondern von einem Zeichencharakter, "was wir Expressionisten suchen, ist präzis aus unserem Material den geistigen Gehalt herauszuziehen", so Lehmbruck 1918 zu Fritz von Unruh. Tiefgründelnd, faustisch, deutsch ...

Möglicherweise ist Lehmbruck aber gerade wegen Rodin nach Paris gegangen, sagt Söke Dinkla, getroffen hat er den 41 Jahre Älteren auf jeden Fall. Weshalb es genauso spannend wird, in der Ausstellung den Gemeinsamkeiten der beiden Bildhauergiganten nachzuspüren. Tanz und "teilweise unmögliche Bewegungen" (Dinkla), der Torso als eigenständige Gattung ... und dann, am Ende, eben vielleicht: Schönheit. Über 100 Leihgaben kommen aus Museen aus aller Welt nach Duisburg, 20 allein aus dem wunderschönen Pariser Musée Rodin, "es wird schon geschreinert und vorbereitet", sagt Dinkla, ab 23. März geht's los. Zeitgleich wird im Lehmbruck-Flügel eine Ausstellung "Wilhelm Lehmbruck: Zur Person" eröffnet. Sie wird mit Fotos und selten gezeigten Werken aus der Frühphase den Wohn- und Arbeitsorten Lehmbrucks folgen, Meiderich, Düsseldorf, Paris, Berlin, Zürich.

Die Kunstvermittlung legt im immer erfolgreicheren City-Atelier ab Mai nach: Mit Lehmbrucks Satz "Alle Kunst ist Maß" werden Werke aus der Sammlung in den Blick genommen, die sich dem Thema Proportion widmen. "Man kann erleben, wie der eigene Körper das Maß aller Dinge werden kann", verspricht Kunstvermittlerin Sybille Kastner.

Bei so viel Lehmbruck und Schönheit ist im Jahresprogramm auch noch Platz für den Normalbetrieb: Jochen Gerz' Textgerüst bleibt noch bis zum 5. Mai. "Sculpture 21st" wird fortgesetzt mit Julian Opie ab 23. Mai in der Glashalle, der mit zeitgenössischen Mitteln an der Vereinfachung von Gestalt arbeitet, etwa mit Plastiken, die wie dreidimensionale Piktogramme aussehen. Der "Skulptur in Zeiten des Posthumanismus" widmet sich dann ab 21. September eine Schau der vor allem als Videokünstlerin bekannten Eija-Liisa Ahtila. Auch schön.

(Niederrhein Verlag GmbH)