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Keine Kohle mehr, dafür Kunst

Keine Kohle mehr, dafür Kunst
Diese Fotografie ohne Titel hat Götz Diergarten in der Jupp-Kolonnie in Hamborn aufgenommen, einem Beispiel für den durch Kohle und Stahl vorangetriebenen Siedlungsbau im Ruhrgebiet. Sie wird in der Ausstellung „Die schwarze Seite“ im Museum DKM gezeigt. FOTO: Götz Diergarten, VG Bild-Kunst 2018
Duisburg/Ruhrgebiet. Am 31. Dezember 2018 läuft die Kohleförderung aus, auch in der letzten verbliebenen Zeche des Ruhrgebiets, Prosper-Haniel in Bottrop, ist dann Schicht im Schacht. Der "lange Abschied von der Kohle" wird groß gefeiert. Von Thomas Warnecke

Kann man sagen, dass das Ruhrgebiet das Ende der Steinkohleförderung "feiert"? Klar kann man, die viel wichtigere Frage ist: feiern wie eine Beerdigung oder als Startschuss?

Es ist ja so: Es wurde schon oft Abschied genommen von der Steinkohle; seit 60 Jahren ist immer wieder irgendwo Schicht im Schacht. Für die meisten Ruhrgebietsstätte ist das Kapitel lange geschlossen.

Trotzdem: Der Einfluss des Bergbaus darauf, wie das Ruhrgebiet bis heute aussieht, wie die Menschen hier denken und reden, der ist nicht zu überschätzen. Auch im übertragenen Sinne hat uns die Steinkohleförderung Ewigkeitslasten hinterlassen.

Da kann man schon mal wehmütig werden, wo's jetzt bald ganz vorbei ist. Auch wenn gerade kein Bergmannschor singt. "Wir lassen die Menschen erzählen von diesem Ende", erklärte Theo Grütter, Leiter des Ruhr-Museums, im Interview mit der Zeitschrift "Steinkohle". Im Ruhr-Museum auf der Kokerei Zollverein in Essen startet am 27. April die große Sonderausstellung "Das Zeitalter der Kohle". Die soll laut Grütter neben den vielen und schon oft erzählten Geschichten den Blick auf die Gesamtgeschichte richten, Überbau, Hintergründe, das Gesamtphänomen Bergbau erklären. "Die Formierung Europas fußte auf Kohle und Stahl", so Grütters in besagtem Interview: "Die Kohle ist Teil von etwas sehr, sehr Großem."

Die Ausstellung im Ruhr-Museum ist Teil der sehr großen Aktivitäten, die im Jahr von "Glückauf Zukunft" laufen. So haben jedenfalls RAG und RAG-Stiftung, Evonik und IG BCE das Jahr überschrieben, um für eine "würdige Verabschiedung des Steinkohlebergbaus und kraftvolle Impulse die Erneuerung der Regionen an Ruhr und Saar" zu sorgen.

In Duisburg wurden schonmal sechs Tonnen Kohle angeliefert. Nicht, weil das schwarze Gold jetzt schon knapp wird, sondern um Kunst damit zu machen. Richard Long, Bernar Venet (von dem das "Walgerippe" vorm Stadttheater stammt) und andere Künstler werden Kunst aus Kohle im Lehmbruck-Museum und im Museum DKM machen. Großkünstler Anselm Kiefer hat Kohle nach Paris geschickt bekommen und bereitet dort ein Kunstwerk fürs Museum Küppersmühle vor, das auch wieder aufmacht zu "Kunst und Kohle", dem Projekt von insgesamt 17 Ruhrkunstmuseen in 13 Städten.

"Reichtum: Schwarz ist Gold" heißt die Ausstellung, die am 3. Mai im Lehmbruck-Museum eröffnet wird. In fußläufiger Entfernung zeigt einen Tag später das Museum DKM in der Güntherstraße "Die schwarze Seite". Mit ganz unterschiedlichen Arbeiten verschiedenster Gattungen sollen die Kunstwerke den Wohlstand wie die besonderen Identitäten widerspiegeln, die die Kohle dem Revier gebracht hat. Die Ausstellung in der Küppersmühle eröffnet wegen der Bauarbeiten für den neuen Anbau erst am 8. Juni.

Für ihre Ausstellung im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr arbeitet Helga Griffiths derzeit daran, wie sie der Kohle ihren Duft entlocken kann. Die "Essenz der Kohle" soll es dann als Parfüm in mehreren Ruhrkunstmuseen zu kaufen geben. Es ist halt wie mit allen großen Lieben, die zu Ende gehen: Den Duft hat man noch lange in der Nase.

(Niederrhein Verlag GmbH)