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Theatertreffen der 38. Duisburger Akzente
Das Stück der Stunde und ein dicker Krimi-Fisch

Theatertreffen der 38. Duisburger Akzente: Das Stück der Stunde und ein dicker Krimi-Fisch
Das Stück der Stunde: „Nathan der Weise“; August Zirner (l.) verkörpert die Titelfigur, Pascal Fligg den Saladin. FOTO: Arno Declair
Duisburg. "Umbrüche" – das Thema der kommenden 38. Duisburger Akzente ist wie gemacht fürs Theater. Dementsprechend hat Michael Steindl herausragende Produktionen zum Theatertreffen eingeladen. Von Thomas Warnecke

Zum Start am 11. März ist gleich alles vorbei: "Endspiel" von Samuel Beckett. "Das ist das Stück, das nach den Umbrüchen stattfindet", sagt Michael Steindl. Der 1957 uraufgeführte Einakter des irischen Nobelpreisträgers zeigt vier Personen, die scheinbar die letzten Überlebenden einer globalen Katastrophe sind – und weitermachen, irgendwie: der blinde Hamm, sein Diener Clov und Hamms Eltern Nell und Nagg, in Duisburg von Wolfgang Völkl in Personalunion dargestellt. Dass die Eigenproduktion, die ein zweites Mal am 13. März gespielt wird, am Anfang des Theatertreffens steht, hat "ein bisschen mit der Disposition" zu tun, so Steindl, der eigentliche Auftakt sei "Der Auftrag" von Heiner Müller am 12. März.

"Es ist unendlich wichtig, beim Thema 'Umbrüche' etwas von Revolution zu erzählen", sagt Steindl. "Der Auftrag" trägt den Untertitel "Erinnerung an eine Revolution" und handelt davon, wie drei Abgesandte der Französischen Revolution auf Jamaika einen Sklavenaufstand initiieren sollen – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit als Exportware. Doch dann kommt daheim Napoleon an die Macht. Die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner lassen in ihrer Inszenierung fürs Schauspiel Hannover gut 90 Prozent des Textes vom Band kommen: Heiner Müller liest selbst, ein Mitschnitt einer Lesung in Leipzig 1980. Auf der Bühne ist u.a. Corinna Harfouch als Weißclown zu sehen. Michael Steindl: "Ein Abend, an dem man sich reiben kann."

Mit "Nathan der Weise" kommt am 14. und 15. März wohl das Stück der Stunde ins Theater Duisburg. Regisseur Christian Stückl, der auch die Passionsspiele Oberammergau leitet (eine Dokumentation darüber, "Die große Passion", bekam 2011 den Publikumspreis der Duisburger Filmwoche), vertraut in seiner Inszenierung fürs Münchner Volkstheater ganz auf die Sprache des Stücks und nimmt an Lessings Vorlage um die Frage nach der wahren Religion nur eine Änderung vor: Aus Saladins Schwester Sittah hat Stückl den Bruder Melek gemacht und ihn dem radikalen Islam zugeordnet. August Zirner in der Titelrolle sehe aus wie Steven Spielberg, befand die Süddeutsche Zeitung, und Michael Steindl verspricht: "Die drei Stunden (mit Pause) vergehen wie im Flug."

Am 16. und 20. März zeigt der Spieltrieb-Jugendclub des Theaters Duisburg seine neue Produktion "Name: Sophie Scholl" von Rike Reiniger mit Hanna Kertesz, die seit 2006 beim Spieltrieb an Bord ist. Das Stück wird im Frühjahr auch das Ersatzprogramm für "Das letzte Band" sein, das wegen des Todes von Michael Altmann nicht mehr gezeigt werden kann.

Jonas Schütte kommt am 17. März mit "Der Weg zum Glück" von Ingrid Lausund ins Foyer III – ein liebenswerter Leerläufer.

Für "Penthesilea" vom Schauspiel Frankfurt am 18. und 19. März muss der zweite Rang gesperrt werden, weil das Bühnenbild so hoch aufragt. Regisseur Michael Thalheimer hat Heinrich von Kleists "Sprache gewordene Gewaltorgie" auf drei Personen eingedampft; wie schon in "Medea" 2013 ist wieder Constanze Becker in der Titelrolle zu erleben. "Atemberaubende Bilder, mit Blut, mit Nacktheit", hat Michael Steindl gesehen.

Für ihre Rolle in "Gift. Eine Ehegeschichte" hat Dagmar Manzel den Theaterpreis "Der Faust" erhalten; in Christian Schwochows Inszenierung vom deutschen Theater Berlin, am 21. März beim Theatertreffen, ist Ulrich Matthes ihr Partner. Oder Gegenspieler. Ein getrenntes Paar, dass sich wegen der anstehenden Umbettung seines verstorbenen Kindes wiedersieht – "das Stück ist wahnsinnig auf den Punkt geschrieben", findet Steindl und freut sich wie die Berliner Zeitung über "grandioses Schauspielertheater". Das Drama der niederländischen Autorin Lot Vekemans ist für Steindl "ein Stück, das bleiben wird."

Und noch einmal Kleist: Seine Novelle "Michael Kohlhaas" gibt es als Figurentheater mit der Bühne Cipolla am 22. und 23. März.

"Der dicke Fisch" im Programm, über den sich Michael Steindl "fast am meisten" freut, ist "Diese Geschichte von Ihnen" vom Burgtheater Wien. Das Stück war 1968 das Debüt des Drehbuchautors John Hopkins (der u.a. das Szenario für "James Bond 007 – Feuerball" geschrieben hat) als Theaterautor, es wurde unter dem Titel "Sein Leben in meiner Gewalt" mit Sean Connery verfilmt. Es geht um einen Polizisten, der bei einem Verhör einen Mann zu Tode prügelt, den er für einen lange gesuchten Kinderschänder hält. "In gewisser Weise kann man das durchaus für einen Krimi halten", sagt Steindl. Die Kritiken zu Andrea Breths Inszenierung haben sich überschlagen. "Das ist psychologisch-realistisches Theater von einer Schärfe, wie ich es die letzten zehn Jahre kaum gesehen habe, ohne Ausflüchte", schwärmt Steindl.

Den letzten Umbruch zeigen am 26. März Philipp Hochmaier und die Musikcrew "Die Elektrohand Gottes" mit der Konzert-Performance "Jedermann reloaded" nach Hugo von Hofmannsthals "Spiel vom Sterben des reichen Mannes".

(Niederrhein Verlag GmbH)