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Duisburger Filmwoche
Altbewährtes von der Unterhaltungsfront

Duisburger Filmwoche: Altbewährtes von der Unterhaltungsfront
Auch die Berner Tageszeitung „Der Bund“ ist vor Zweckentfremdung nicht geschützt ... Szenenbild aus „Die vierte Gewalt“ von Dieter Fahrer, am Mittwoch als deutsche Erstaufführung bei der Filmwoche. FOTO: Duisburger Filmwoche
Duisburg. Am Montag, 5. November, wird um 20 Uhr im Filmforum die 42. Duisburger Filmwoche eröffnet. "Kulenkampffs Schuhe" ist der erste von 23 Dokumentarfilmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die gezeigt werden. Für den langjährigen Leiter Werner Ruzicka ist es das letzte Festival, sein Abschiedsmotto: Handeln. Von Thomas Warnecke

Wie Millionen Deutsche auch hat Regina Schilling ihre Samstagabende in den 1960ern mit ihren Eltern vorm Fernseher verbracht. Hans-Joachim Kulenkampff, Peter Alexander und "Hänschen" Rosenthal waren genauso alt wie ihr Vater. Während der als Drogist am Wirtschaftswunder arbeitete, sorgten die Showmaster für die Erholung. In "Kulenkampffs Schuhe" zeigt Schilling Bilder von damals, aus dem TV und Privataufnahmen, hält sie an, friert sie ein und erzählt, was nicht gezeigt und wovon nicht gesprochen wurde: dass Kulenkampff sich als Soldat in Russland eigenhändig mehrere erfrorene Zehen amputiert hatte. Dass der Jude Rosenthal, dessen Bruder in Majdanek ermordet wurde, den Krieg in einer Kleingartenanlage überlebte. Dass "Derrick" Horst Tappert bei der SS war ...

Der Film lief schon im Fernsehen, hat aber Kinoformat, davon sind Werner Ruzicka und die Auswahlkommission überzeugt. Wie Öffentlichkeit erzeugt wird, wie Familie gebildet, wie ein Bewusstsein für Geschichte entsteht – das zeigt "Kulenkampffs Schuhe" und steht damit exemplarisch am Anfang der diesjährigen Auswahl. Die wird, wie immer, Film für Film gezeigt, mit anschließender Diskussion mit den Filmemachern – "old school", sagt Werner Ruzicka, und das sei gut, wertvoll und erhaltenswert so.

Den Filmen, dem Sehen, Denken und Reden Zeit und Raum geben, darum geht's, ob beim kürzesten Wettbewerbsbeitrag "Nachbarn" (7.11., 12.30 Uhr), der in 360-Grand-Schwenks die Nachbarschaft von Flüchtlingsunterkünften zeigt – von Unterkünften, auf die Anschläge verübt wurden – oder beim mit 237 Minuten längsten Film des Programms: "Unas preguntas" (6.11., 12 Uhr) zeigt Fernsehinterviews aus den 80ern, als in Uruguay über Straffreiheit für die Schergen der Militärdiktatur diskutiert wird. Auch hier: Wie entsteht Öffentlichkeit? Und auch hier: ein Film ausschließlich aus Archivmaterial.

Die Filmwoche selbst ist mit ihren Diskussionen zu dem Archiv schlechthin für die Geschichte des deutschsprachigen Dokumentarfilms geworden. Und das bzw. die wird jetzt fortgeschrieben: Auch beim 42. Festival wird protokolliert. Und vom Land wurden Fördermittel bewilligt, um die Protokolle per Schlagwortsuche etc. noch besser handhabbar zu machen und mit ausgewählten Bildern zu versehen. Mit der Filmwoche bleibt Duisburg im Gedächtnis.

Zum Programm: www.duisburger-filmwoche.de
Sämtliche Protokolle: www.protokult.de

(Niederrhein Verlag GmbH)